{"id":1880,"date":"2025-01-28T00:28:19","date_gmt":"2025-01-28T00:28:19","guid":{"rendered":"https:\/\/www.junia-swan.at\/?p=1880"},"modified":"2025-01-28T00:28:21","modified_gmt":"2025-01-28T00:28:21","slug":"leseprobe-das-herz-der-eisprinzessin","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.junia-swan.at\/?p=1880","title":{"rendered":"Leseprobe &#8222;Das Herz der Eisprinzessin&#8220;"},"content":{"rendered":"\n<h2 class=\"wp-block-heading\"> Prolog<\/h2>\n\n\n\n<p>\u201eHilfe! Hilfe!\u201c<br> Die Schreie wurden mit jeder Minute leiser, und Freiherr Falk z\u00fcgelte sein Pferd. Er machte eine Handbewegung, und die Reiter um ihn hielten ebenfalls an und lauschten.<br> \u201eWartet hier auf mich!\u201c, befahl der Ritter und lenkte sein Schlachtross vom Weg in den Wald, der ihn von beiden Seiten s\u00e4umte. Das Pferd brach durch das Dickicht, \u00fcberwand B\u00fcsche, kleine Tannen, Gestr\u00fcpp, und er wich B\u00e4umen mit tief h\u00e4ngenden \u00c4sten aus.<br> \u201eHilfe!\u201c<br> Die Stimme klang \u00fcberaus verzweifelt und hoffnungslos, und er hielt erneut an, um herauszufinden, woher sie kam. Mit dem Helm auf dem Kopf war sein Blickfeld stark eingeschr\u00e4nkt. Die R\u00fcstung minimierte seine Bewegungsfreiheit, und er fluchte \u00fcber diese Behinderung. Mittlerweile war das Schreien verstummt, und er wartete einige Minuten. Angespannt, ob er noch irgendeinen Laut h\u00f6rte, wendete er sein Pferd, damit er auch die restliche Umgebung in Augenschein nehmen konnte. Da sah er sie. Mit gro\u00dfen Augen starrte sie ihn an, und die Angst, die un\u00fcbersehbar darin flackerte, lie\u00df ihn eilig die letzte Distanz zwischen ihnen \u00fcberwinden. Dann stieg er schwerf\u00e4llig ab. Die R\u00fcstung erschwerte ihm das Absitzen, und er atmete angestrengt ein, als er schwankend auf dem Boden stand. W\u00e4hrend er n\u00e4herkam, bemerkte er Tr\u00e4nenspuren auf ihren Wangen. Sie aber blieb wie versteinert an den Baum gelehnt sitzen, blickte ihm entgegen und zu ihm auf. Die Bl\u00e4sse ihres Gesichts bereitete ihm Sorge. Sie musste um die zw\u00f6lf Jahre alt sein, und er fragte sich, was sie so allein im Wald machte. Die Gegend war zurzeit ziemlich unsicher, in den letzten Wochen hatten hier einige \u00dcberf\u00e4lle von Raubrittern stattgefunden.<br> \u201eWas ist passiert?\u201c, fragte er, und seine Stimme hallte in seinem Helm.<br> \u201eBitte\u201c, fl\u00fcsterte sie, und er musste sich anstrengen, um sie zu verstehen, \u201ebindet mich los!\u201c<br> Erst jetzt bemerkte er die Fesseln an ihren Handgelenken, die sie am Baumstamm fixierten und ihr ein Davonlaufen unm\u00f6glich machten. Verflucht, wer machte so etwas? Sie schutzlos demjenigen auszuliefern, der sie fand. Widerlich! Mit der R\u00fcstung war er unbeholfen wie ein Maulwurf, deswegen zog er sein Schwert und trat hinter sie. Die Klinge wurde jeden Tag von seinem Knappen geschliffen und war gef\u00e4hrlich scharf. Ohne Anstrengung schnitt sie das Seil entzwei.<br> \u201eIch danke Euch, Herr!\u201c, schluchzte sie, w\u00e4hrend sie sich gleichzeitig darum bem\u00fchte, wieder auf die Beine zu kommen.<br> Mit den F\u00e4usten wischte sie sich die Tr\u00e4nen aus den Augen und betrachtete ihn.<br> \u201eWer bist du?\u201c, wollte er wissen. \u201eUnd was machst du hier?\u201c<br> \u201eRosalinde\u201c, murmelte sie und deutete mit einer unbestimmten Geste in eine Richtung. \u201ePrinzessin von Grauenstein.\u201c<br> \u201eSehr erfreut, Prinzessin\u201c, meinte er und machte eine fl\u00fcchtige Verbeugung, wobei er aufpassen musste, das Gleichgewicht nicht zu verlieren.<br> Dann deutete er auf die Seilenden, die an ihren Handgelenken baumelten. Sie hob sie ein wenig an, und er bemerkte rote Absch\u00fcrfungen auf ihrer Haut.<br> \u201eK\u00f6nnt Ihr mich mit Euch nehmen, edler Ritter?\u201c, fragte sie anstelle einer Antwort.<br> \u201eSicherlich. Ich werde dich wohlbehalten nach Hause zu deinen Eltern bringen.\u201c<br> Da sch\u00fcttelte sie vehement den Kopf.<br> \u201eNein, das meinte ich nicht. Nehmt mich mit auf Eure Reise! Nehmt mich mit zu Eurer Burg!\u201c<br> \u201eDas ist unm\u00f6glich! Ich kann dich doch nicht deinen Eltern stehlen! Au\u00dferdem besitze ich keine Burg.\u201c<br> Ihre Schultern sackten entt\u00e4uscht nach unten. Doch sie gab nicht auf. Sie ahnte, dass sich ihr nie wieder eine Chance wie diese bieten w\u00fcrde. Mithilfe dieses starken Ritters k\u00f6nnte sie es schaffen zu entkommen!<br> \u201eBitte, nehmt mich mit Euch!\u201c, flehte sie und sank vor ihm in die Knie. \u201eMeinen Eltern macht das nichts aus. Im Gegenteil, sie w\u00e4ren Euch \u00fcberaus dankbar!\u201c<br> Freiherr Falk atmete tief ein und musterte sie argw\u00f6hnisch.<br> \u201eWas stimmt mit dir nicht, M\u00e4dchen?\u201c<br> Ihre Augen waren voller Furcht weit aufgerissen, als sie bittend zu ihm aufsah.<br> \u201eMit mir ist alles in Ordnung! Bitte! Helft mir! Ich geh\u00f6re einfach nicht hierher, nehmt mich mit!\u201c<br> \u201eKomm mit!\u201c, befahl er, doch sie verharrte trotzig. \u201eIch frage noch einmal: Wer hat das getan?\u201c<br>Sie schluckte und wich seinem Blick aus, w\u00e4hrend sie sich eine helle Haarstr\u00e4hne hinter ein Ohr strich.<br> \u201eAndere Kinder!\u201c, nuschelte sie und zerrte an einem der Seile.<br> Er wurde nicht schlau aus ihr.<br> \u201eWir haben deine Burg vor einiger Zeit passiert. Komm, wir bringen dich zur\u00fcck!\u201c<br> Nun packte sie ihn am Arm, was er jedoch kaum bemerkte, so schwach war sie. Mit beiden H\u00e4nden musste sie zugreifen, um seinen Unterarm zu umschlie\u00dfen.<br> \u201eBitte, bringt mich nicht zur\u00fcck! Ich flehe Euch an! Bitte!\u201c<br> Nat\u00fcrlich r\u00fchrte ihn ihr Flehen, aber ihm waren die H\u00e4nde gebunden \u2013 was sollte er mit einem Kind anstellen? Also griff er nach ihrem Arm und zog sie vorsichtig mit sich.<br> \u201eNein! Nicht!\u201c<br> Verzweifelt versuchte sie sich ihm zu entwinden, doch er zerrte sie unbarmherzig mit sich. Seine M\u00e4nner blickten ihm verwundert entgegen, als er sich mit seiner widerborstigen Begleiterin aus den Schatten des Waldes l\u00f6ste. Sein Pferd folgte auf den Fu\u00df. Einige von ihnen begann zu lachen.<br> \u201eDa hast du aber einen Gl\u00fccksgriff gemacht! Was ist mit dem Kind?\u201c<br> \u201eIch vermochte nicht, es herauszufinden. Doch sie geh\u00f6rt zu Burg Grauenstein. Tut mir leid, wir m\u00fcssen noch einmal umkehren.\u201c<br> Er konnte das Murren einiger der M\u00e4nner deutlich h\u00f6ren, w\u00e4hrend er Rosalinde vor den Sattel auf sein Pferd setzte. Sie hatten einen anstrengenden Ritt hinter sich und waren m\u00fcde. Dieser Umweg passte ihnen \u00fcberhaupt nicht.<br> \u201eRoland!\u201c, sagte er, und sein Knappe eilte herbei und half ihm beim Aufsitzen.<br> Freiherr Falk legte behutsam einen Arm um des M\u00e4dchens Taille, damit es nicht vom Pferd rutschen konnte, und trieb das Pferd an.<br> Je n\u00e4her sie der Burg kamen, desto verzweifelter klammerte sich Rosalinde an ihn. Er konnte sich nicht erkl\u00e4ren, was sie so \u00e4ngstigte! Wahrscheinlich erwartete sie eine Tracht Pr\u00fcgel daf\u00fcr, dass sie sich mit ihren Spielgef\u00e4hrten in den W\u00e4ldern herumgetrieben hatte. Nun ja, sicherlich w\u00fcrde sie das \u00fcberleben.<\/p>\n\n\n\n<p>Die un\u00fcberwindbaren Mauern der Burg Grauenstein zeichneten sich scharf vom Blau des Himmels ab, als sie aus dem Wald und \u00fcber weitl\u00e4ufige Wiesen darauf zuritten. Die Sonne stand bereits tief, und die Reiter tauchten nach kurzer Zeit in den Schatten der Burg ein. Die H\u00e4ngebr\u00fccke, welche einen breiten Burggraben \u00fcberspannte, war herabgelassen, doch das Tor war verschlossen.<br>\n\u201eWer ist\u2019s?\u201c, rief eine der Wachen von den Zinnen.<br>\n\u201eRitter Falk und seine Mannen. Wir haben Eure Prinzessin aufgelesen und bringen sie zur\u00fcck.\u201c<br>\n\u201e\u00d6ffnen!\u201c<br>\nDas laute Ger\u00e4usch der Ketten setzte ein, und das Fallgitter hob sich in die H\u00f6he. Nicht lange, und sie passierten die dicken Steinmauern, um im Hof anzuhalten. Der Burgvogt eilte ihnen entgegen, doch als er das M\u00e4dchen erblickte, verfinsterten sich seine Z\u00fcge. Auffordernd streckte er seine Arme nach ihm aus, und Freiherr Falk \u00fcbergab es dem Mann.<br>\n\u201eIch danke Euch, edler Ritter\u201c, sagte der Vogt und stellte das M\u00e4dchen neben sich ab.<br>\nMit strengem Blick musterte er Rosalinde.<br>\n\u201eDu wei\u00dft, was dich erwartet.\u201c<br>\nSchnell senkte sie den Kopf und starrte auf ihre Schuhspitzen. Dabei meinte Freiherr Falk beobachten zu k\u00f6nnen, wie sie vor seinen Augen schrumpfte.<br>\n\u201eIhr k\u00f6nnt sie ja nicht gebrauchen?\u201c, fragte der Mann zu des Ritters \u00dcberraschung. \u201eWollt Ihr sie zur Frau nehmen?\u201c<br>\nDieses Kind? Freiherr Falk fuhr bei der Vorstellung ein wenig zusammen. Nat\u00fcrlich war es nicht un\u00fcblich, Kinder zu verheiraten, doch er hatte andere Erwartungen an seine Frau. Abgesehen davon w\u00fcsste er nicht, wo er sie unterbringen k\u00f6nnte.<br>\n\u201eNein, tut mir leid\u201c, erwiderte der Ritter und sah, wie sich das M\u00e4dchen mit den Fingern \u00fcber die Augen strich.<br>\n\u201eDann kommt, und esst mit uns!\u201c, forderte der Vogt die Gruppe M\u00e4nner nun auf.<br>\n\u201eVielen Dank f\u00fcr Eure Einladung, doch wir haben noch ein gutes St\u00fcck Weg vor uns. Wenn Ihr uns nun entschuldigen w\u00fcrdet?\u201c<br>\nDer Vogt nickte, w\u00e4hrend Freiherr Falk sein Pferd wendete. Aus dem Augenwinkel sah er, wie der \u00e4ltere Mann das M\u00e4dchen unsanft in eine Richtung stie\u00df.<br>\n\u201eMach\u2019s gut, Kleine\u201c, rief er ihr aufmunternd zu und ritt auf das schwere Tor zu.<br>\nSeine M\u00e4nner schlossen sich ihm eilig an.<\/p>\n\n\n\n<p>F\u00fcnf Jahre sp\u00e4ter, als Freiherr Falk wieder in der N\u00e4he des Wiener Beckens war, h\u00f6rte er durch Zufall Rosalindes Namen. Mittlerweile hatte sie allerdings einen Beinamen erhalten. Man nannte sie die Eisprinzessin, aufgrund der K\u00e4lte ihres Wesens.<br> Freiherr Falk sah sie an einem Abend w\u00e4hrend eines Festes auf Burg Grauenstein. Unbewegt und sch\u00f6n sa\u00df sie am Tisch ihrer Eltern und wies jeden Mann ab, der es noch wagte, sie zum Tanz aufzufordern, deren Zahl, aus gegebenem Anlass, nicht einmal aus einer Handvoll Galanen bestand. Man erz\u00e4hlte, dass selbst das Kloster sie nicht hatte aufnehmen wollen und ihr Vater die Hoffnung aufgegeben hatte, sie gut zu verm\u00e4hlen. Wenn \u00fcberhaupt. Doch als Freiherr Falks Blick auf ihr ruhte, meinte er nur Angst und Einsamkeit in ihr zu erkennen. Mittlerweile war sie zu einer jungen Frau herangereift, und er selbst w\u00fcrde bald als Burgherr auf einer eigenen Festung eingesetzt werden. Die Verzweiflung, die sie damals ausgestrahlt hatte, stand noch deutlich vor seinem inneren Auge. Nun wusste sie diese gut zu verbergen. Sollte er sich dazu entschlie\u00dfen, sie zu ehelichen, k\u00e4me erhebliche Arbeit auf ihn zu, um ihr Vertrauen zu gewinnen. Das sp\u00fcrte er instinktiv. Er trank von dem Bier und starrte sie nachdenklich an.<br> \u201eWillst du dich erk\u00e4lten?\u201c, fragte Thomas neben ihm und rempelte ihn neckend an. \u201eOder was willst du von diesem Eiszapfen?\u201c<br> \u201eKannst du dich nicht an sie erinnern?\u201c<br> \u201eAn die Prinzessin? Nein. W\u00fcsste nicht, wo wir ihr h\u00e4tten begegnen k\u00f6nnen.\u201c<br> \u201eDie Kleine im Wald. Das war sie.\u201c<br> Mit hochgezogenen Augenbrauen pfiff Freiherr Thomas durch die Z\u00e4hne. Er warf einen schnellen Blick in ihre Richtung, wandte sich aber sofort wieder seinem Gegen\u00fcber zu.<br> \u201eKaum zu glauben. Damals hatte sie mehr Temperament!\u201c<br> \u201eDas hat sie noch immer. Sie vermag es nur gut zu verstecken.\u201c<br> Freiherr Falk nahm noch einen Schluck.<br> \u201eWenn sich die Dinge weiterhin zufriedenstellend entwickeln, werde ich um ihre Hand anhalten.\u201c<br> \u201eDu bist verr\u00fcckt, mein Freund!\u201c<br> Freiherr Falks Mund verzog sich zu einem harten L\u00e4cheln.<br> \u201eIch werde das Gef\u00fchl nicht los, sie damals im Stich gelassen zu haben.\u201c<br> \u201eDu kannst nicht jeden heiraten, dem du nicht helfen konntest.\u201c<br> \u201eDas ist richtig. Aber sie schon. Sieh sie dir nur an!\u201c<br> Freiherr Thomas schauderte gespielt.<br> \u201eHabe ich bereits, und ich meine, bei mir tritt gleich die Leichenstarre ein!\u201c<br> Nun l\u00e4chelte Freiherr Falk, und kleine Falten bildeten sich in seinen Augenwinkeln, w\u00e4hrend er seinen Becher hob.<br> \u201eSie wird schmelzen, das verspreche ich dir! Auf meine Braut!\u201c<br> \u201eAuf eisige Zeiten!\u201c <\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Kapitel 1<\/h2>\n\n\n\n<p><strong><em>Eineinhalb Jahre sp\u00e4ter<\/em><\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Burg von Wolfsberg ragte hoch und abweisend in den Himmel, majest\u00e4tisch und m\u00e4chtig, als k\u00f6nnte sie allein mit ihrer Pr\u00e4senz ihr Umfeld beherrschen. Unwillk\u00fcrlich umfasste Rosalinde die Z\u00fcgel ihres Pferdes fester. Dies w\u00fcrde nun also ihre neue Heimat sein. Sie hasste den Ort schon jetzt: die hohen Berge, die sich in einiger Entfernung wie ein steinerner Ring rings um die Festung schlossen und jeden Eindringling allein durch ihre Anwesenheit einsch\u00fcchterten und zu bedrohen schienen. Es trennte sie nur mehr eine kurze Zeitspanne von der Begegnung mit jenem Mann, der vor ihrer Unnahbarkeit nicht zur\u00fcckgeschreckt war und sie mittels einer Fernhochzeit geehelicht hatte. Vor einer Woche hatte ihr Vater den Ehevertrag unterzeichnet, den Graf von Wolfsberg mit einem Boten zu ihr geschickt hatte. Ohne ihm jemals begegnet zu sein, war sie ihm nun angetraut. Was hatte er sich nur dabei gedacht, sie zu seiner Frau zu nehmen? Meinte er wirklich, sie bezwingen zu k\u00f6nnen? Ein d\u00fcnnes L\u00e4cheln umspielte bei dem Gedanken ihren Mund. Bald w\u00fcrde er seinen Irrtum bemerken, sp\u00e4testens dann, wenn er vor ihrer Unbeugsamkeit in die Knie ging, an ihrem Willen scheiterte, vor ihrer inneren Kraft kapitulierte! Es gab nichts auf dieser Welt, was er tun k\u00f6nnte, um sie zu bezwingen!<br>Alle Burgbewohner hatten sich im Burghof versammelt, um ihren festlichen Einzug zu verfolgen. Rosalinde blickte starr geradeaus, tat, als w\u00fcrde sie nicht bemerken, was um sie herum geschah. Einer ihrer Diener half ihr aus dem Sattel, und sie ging ein paar Schritte, wartete darauf, dass der Burgherr auf sie zukam, um sie zu begr\u00fc\u00dfen. Da l\u00f6ste sich auch schon ein \u00e4lterer Mann von dem Pulk feiner Hofleute, die sie etwas erh\u00f6ht vor dem Eingang der Halle erwarteten. Auf den ersten Blick erkannte Rosalinde, dass dieser Mann ihr nicht gewachsen war, und sie meinte, so etwas wie Entt\u00e4uschung zu empfinden. Ein kleines Kr\u00e4ftemessen h\u00e4tte sie durchaus gereizt, doch mit ihm w\u00fcrde sie in wenigen Minuten fertiggeworden sein. Aber das machte nichts. Absch\u00e4tzend lie\u00df sie ihre Augen \u00fcber die stattlichen Bauten wandern \u2013 dann w\u00fcrde eben sie die Herrscherin innerhalb dieser Mauern sein. Ihr Mann verbeugte sich vor ihr \u2013 er war nur ein kleines St\u00fcck gr\u00f6\u00dfer als sie selbst, und sie neigte leicht den Kopf. Ihr Blick war eisig.<br> \u201eDame Rosalinde, es ist mir eine Freude, Euch im Namen meines Herren begr\u00fc\u00dfen zu d\u00fcrfen.\u201c<br> \u00dcberrascht hob die junge Frau die Augenbrauen.<br> \u201eEr hat mich gebeten, Euch zur Kemenate zu geleiten, da er erst am Abend zur\u00fcckkehren wird.\u201c<br> Was sollte das hei\u00dfen? Er war nicht hier, um seine Frau, wie es schicklich war, zu empfangen? Welch ein Affront! Zorn glomm in ihr auf, doch keine Regung in ihrem Gesicht verriet ihre Gef\u00fchle.<br> \u201eDie Freude ist ganz auf meiner Seite\u201c, sagte Rosalinde gleichg\u00fcltig. \u201eIch nehme an, Ihr seid der Burgvogt?\u201c<br> \u201eSo ist es, meine Dame. Burgvogt Karl, zu Euren Diensten. Wenn Ihr bitte mit mir kommen w\u00fcrdet?\u201c<br> Er wandte sich um, und sie folgte ihm in einigen Ellen Entfernung mit stolz erhobenem Haupt, vorbei an den tuschelnden H\u00f6flingen, die sich vor ihr verneigten, w\u00e4hrend die Damen in einen tiefen Knicks sanken.<br> Nicht lange, und sie stand inmitten der Kemenate und beobachtete die Diener, welche ihre Truhen in den Nebenraum, ihre Schlafkammer, schleppten. Als sie allein war, trat sie an das kleine Fenster und blickte ins Freie. Der Wind fegte entlang der Mauern und strich ein wenig abgeschw\u00e4cht \u00fcber ihr Gesicht. Daf\u00fcr, dass von Wolfsberg sie nicht mit dem n\u00f6tigen Respekt empfangen hatte, w\u00fcrde er b\u00fc\u00dfen. Das schwor sie sich. Schon morgen w\u00fcrde er bereuen, sie zur Frau genommen zu haben!<br>\u201eDer Herr ist eingetroffen\u201c, berichtete ihre Kammerdienerin und schloss die T\u00fcr hinter sich.<br> \u201eVermutlich wird er das Abendmahl an meiner Seite in der gro\u00dfen Halle einnehmen\u201c, stellte Rosalinde fest und lie\u00df sich in ein festliches Gewand helfen.<br> Kritisch be\u00e4ugte sie sich in dem Spiegel, der auf einem Tisch vor ihr stand. Sie wollte ihn mit ihrer Sch\u00f6nheit einsch\u00fcchtern, so wie all die anderen M\u00e4nner am Hof ihres Vaters. Es sollte ihm angesichts ihrer Unnahbarkeit die Sprache verschlagen! Deswegen lie\u00df sie sich Perlen in ihr Haar flechten, damit sie ihn blendeten und ihn davor zur\u00fcckschrecken lie\u00dfen, sie zu ber\u00fchren.<br> Als sie zufrieden war, erhob sie sich und schluckte nerv\u00f6s. Nat\u00fcrlich hatte sie nichts zu bef\u00fcrchten, trotzdem glomm ein leises Unbehagen in ihrem Bauch, das sie ein wenig zittern lie\u00df. Sie atmete tief durch und straffte ihre Schultern. Es w\u00e4re gelacht, wenn ausgerechnet Graf von Wolfsberg ihr Innerstes ersch\u00fctterte!<br> Mit erhobenen Kinn folgte sie ihrer Dienerin in die Halle. Bei ihrem Eintreten verstummten die Gespr\u00e4che, und die Aufmerksamkeit aller Anwesenden richtete sich auf sie. Unbeeindruckt blieb sie stehen und lie\u00df ihre Augen suchend \u00fcber den Hofstaat wandern. Jeder blickte in ihre Richtung, bis auf einen Mann. Er hatte ihr den R\u00fccken zugewandt und sprach mit seinem Gegen\u00fcber (welches ebenfalls zu ihr sah), als k\u00fcmmerte ihn nicht, was um ihn herum geschah. Das musste wohl ihr Gemahl sein. Angesichts seiner Arroganz begann es wieder in ihr zu kochen. Nicht nur, dass er sie bei ihrer Ankunft nicht geb\u00fchrend empfangen hatte, behandelte er sie nun, als w\u00e4re sie eine einfache Dienstmagd, der es nicht zustand, dass man ihr seine Aufmerksamkeit schenkte. Rosalinde w\u00fcrde keinen einzigen Schritt auf ihn zu machen, schwor sie sich, und starrte auf seinen breiten R\u00fccken. Er war gro\u00df und muskul\u00f6s, das war ihr sofort aufgefallen. Sein Haar dunkelbraun, fast schwarz, soweit man das in dem schlechten Licht erkennen konnte. Doch seine Ausstrahlung war deutlich f\u00fchlbar und nahm sie bereits gefangen, noch bevor sie ein Wort mit ihm gewechselt hatte. Rosalinde ahnte, dass er zumindest ein w\u00fcrdiger Gegner im Kampf um die Herrschaft innerhalb ihrer Ehe sein w\u00fcrde.<br> Noch immer war es mucksm\u00e4uschenstill im Raum, was ihn nach wie vor in keiner Weise tangierte. Vielleicht erwartete er, dass sie zu ihm ging? Versauern sollte er! Den Gefallen w\u00fcrde sie ihm nicht tun. Stattdessen wandte sie sich ab und blickte zur Tafel. Da man ihr ihren Gemahl bis jetzt nicht vorgestellt hatte, konnte sie Unwissenheit vort\u00e4uschen und so tun, als w\u00fcsste sie nicht, dass er bereits in diesem Raum war. Ganz sicher konnte sie sich tats\u00e4chlich nicht sein. Vielleicht war jener Mann auch einfach einer der Ritter und hatte mit ihr demzufolge nichts zu schaffen? Entschlossen setzte sie sich in Bewegung und steuerte das Kopfende der Tafel an. Nun setzte Getuschel ein. Offensichtlich hatte niemand mit ihrer Kaltschn\u00e4uzigkeit gerechnet, den Burgherrn zu ignorieren. Sie machte einem Diener ein Zeichen, ihr den Stuhl am Vorsitz zurechtzur\u00fccken. Verwirrt starrte sie der junge Mann an.<br> \u201eNun, da Graf von Wolfsberg von seiner Reise noch nicht zur\u00fcckgekehrt ist, werde ich seinen Platz einnehmen\u201c, sagte sie laut und deutlich, und ihre Stimme hallte in dem gro\u00dfen Raum. \u201eRichte mir den Stuhl!\u201c<br> \u201eAber er ist hier\u201c, fl\u00fcsterte der Diener mit gro\u00dfen Augen, woraufhin sich Rosalinde noch einmal von dem Tisch fort und den restlichen Anwesenden zuwandte.<br> Mittlerweile hatte sich der gro\u00dfe Mann ebenfalls in ihre Richtung gedreht. Er war zu weit weg, um sein Gesicht erkennen zu k\u00f6nnen, demzufolge blieb ihr sein Gem\u00fctszustand verborgen.<br> \u201eWerte Gemahlin\u201c, h\u00f6rte sie eine tiefe, eindrucksvolle Stimme die r\u00e4umliche Distanz problemlos \u00fcberwindend, \u201eich bin hier! So kommt und begr\u00fc\u00dft mich, wie es mir geb\u00fchrt!\u201c<br> Seine Worte waren der n\u00e4chste Affront. Trotzdem er nun also wusste, dass sie anwesend war, kam er ihr keinen Schritt entgegen. Nicht einen einzigen Schritt! Im Gegenteil, er erwartete, dass sie zu ihm ging! Sie setzte ein k\u00fchles L\u00e4cheln auf, verblieb jedoch an ihrem Platz.<\/p>\n\n\n\n<p> \u201eWillkommen, mein Herr\u201c, sagte sie nur und wirkte \u00fcberaus gleichg\u00fcltig.<br> Da gab er einem seiner M\u00e4nner ein Zeichen, und dieser setzte sich zu ihr in Bewegung. Ein stattlicher Ritter, zweifellos, mit stahlharten Muskeln an den richtigen Stellen. Rosalindes Herz begann schneller zu pochen. Als er sie erreichte, streckte er ihr h\u00f6flich eine Hand entgegen.<br> \u201eKommt, ich werde Euch zu Eurem Mann geleiten.\u201c<br> Rosalinde schenkte ihm einen eisigen Blick, der ihn wissen lassen sollte, was sie von diesem Vorschlag hielt. Ihr Gegen\u00fcber verengte die Augen, dann griff er nach ihrem Arm und zwang sie an seine Seite. Notgedrungen schritt sie neben ihm zu dem schrecklichen Mann am anderen Ende des Saales. Je n\u00e4her sie ihm kam, desto kleiner und machtloser f\u00fchlte sie sich. Aber wer war sie, sich bereits nach wenigen Minuten zu ergeben? Sie hielt seinem Blick herausfordernd stand. Graf von Wolfsberg griff nach ihrer Hand, als sie ihn erreichten hatten, und zog sie n\u00e4her zu sich. Bereits an der Art dieser Ber\u00fchrung erkannte sie die Kraft seines K\u00f6rpers und die Unbeugsamkeit seines Willens. Seine undurchdringlich funkelnden Augen bohrten sich in ihre, und er senkte den Kopf, um nur eine Daumenbreite vor ihrem Gesicht innezuhalten.<br> \u201eHoldes Weib\u201c, sagte er leise, und Rosalinde hoffte, dass niemand sonst h\u00f6ren konnte, was er ihr nun unzweifelhaft mitteilen w\u00fcrde, \u201ewillkommen auf meiner Burg. Ich hoffe, Euer Ungehorsam mir gegen\u00fcber ist dem geschuldet, dass Ihr nicht sicher sein konntet, dass ich Euer Gemahl bin. Ich kann Euch versichern, dass Ihr nach der heutigen Nacht diesbez\u00fcglich keine Zweifel mehr hegen werdet.\u201c<br> Die aufsteigende Angst unterdr\u00fccke Rosalinde mit eisernem Willen, genauso wie nichts an ihr verriet, wie unangenehm ihr seine N\u00e4he war.<br> \u201eEs gen\u00fcgt f\u00fcr den Anfang, wenn Ihr Folgendes beherzigt und wisst: Ich erwarte Euren absoluten Gehorsam und Respekt, denn ich werde nicht z\u00f6gern, Euch zu bestrafen, solltet Ihr mir diese verweigern!\u201c<br> Rosalinde blinzelte, doch sie hatte sich sofort wieder im Griff, obwohl seine Warnung ihr durch Mark und Bein fuhr.<br> \u201eMan erz\u00e4hlt weithin von Eurer K\u00e4lte und Unnahbarkeit. Lasst Euch gesagt sein, dass Ihr beides um ein Vielfaches verst\u00e4rkt in mir finden werdet. Seid also nicht so unklug, es darauf anzulegen, Euch mit mir zu messen! Denn Ihr werdet unterliegen.\u201c<br> Pl\u00f6tzlich gab er sie frei und trat einen Schritt zur\u00fcck, um ihre Reaktion auf seine Worte zu beobachten. Er wollte sie einsch\u00fcchtern, erkannte Rosalinde, wie erb\u00e4rmlich! Unbeeindruckt hielt sie seiner Betrachtung stand, hob nur in einer sp\u00f6ttischen Geste eine Augenbraue.<br> \u201eUnd nun kniet Euch vor mich hin!\u201c<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Prolog \u201eHilfe! Hilfe!\u201c Die Schreie wurden mit jeder Minute leiser, und Freiherr Falk z\u00fcgelte sein Pferd. Er machte eine Handbewegung, und die Reiter um ihn hielten ebenfalls an und lauschten. \u201eWartet hier auf mich!\u201c, befahl der Ritter und lenkte sein Schlachtross vom Weg in den Wald, der ihn von beiden Seiten s\u00e4umte. 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