{"id":1884,"date":"2025-01-28T00:59:34","date_gmt":"2025-01-28T00:59:34","guid":{"rendered":"https:\/\/www.junia-swan.at\/?p=1884"},"modified":"2025-09-23T02:21:55","modified_gmt":"2025-09-23T02:21:55","slug":"leseprobe-showdown-der-liebe-im-diggers-creek","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.junia-swan.at\/?p=1884","title":{"rendered":"Leseprobe &#8222;Showdown der Liebe in Diggers Creek&#8220;"},"content":{"rendered":"\n<p><strong><em>Diggers Creek, Kalifornien, im Jahre 1883<\/em><\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Die Schienen der neuen Eisenbahnlinie zerrissen die Pr\u00e4rie in zwei Teile. Genauso, wie Jack es mit meinem Herzen getan hat, bevor er auf sein Pferd gestiegen und davongeritten war.<\/p>\n\n\n\n<p>Die hei\u00dfe Glut der untergehenden Sonne f\u00e4rbte den trockenen Staub, der die gewundene Stra\u00dfe nach Diggers Creek \u00fcberzog, scharlachrot. Spirits Hufe tauchten bei jedem Schritt in diesen makaberen Blutsee ein und Jack erlag sekundenlang dem Trug, er ritte \u00fcber leblose, blutverschmierte K\u00f6rper, wie einst in Wounded Knee, South Dakota. Er sch\u00fcttelte den Kopf, um die unerfreulichen Erinnerungen abzuwehren und verbot sich, die l\u00e4ngst vergangenen Ereignisse als Vorsehung f\u00fcr die vor ihm liegende Zukunft in Betracht zu ziehen. Das Sch\u00fcrferdorf Diggers Creek schmiegte sich in das Tal, das sich unmittelbar vor ihm \u00f6ffnete. Es schien sich im Schatten eines mittelhohen Gebirges zu verstecken und wirkte beunruhigend d\u00fcster. In einem Anflug von Argwohn z\u00fcgelte er Spirit, der sogleich zu t\u00e4nzeln begann, als hasse er den Stillstand. Mit der H\u00fcfte glich der Reiter die unsteten Bewegungen seines Hengstes aus, w\u00e4hrend sein Oberk\u00f6rper so ruhig blieb, als st\u00fcnde er auf festem Grund. L\u00e4ssig legte Jack die Z\u00fcgel in eine Hand, um sich mit der anderen an den Nacken zu fassen und ihn nachdenklich zu massieren. Dabei streifte er mit dem Handr\u00fccken den schwarzen Stetson \u2013 ein willkommenes Gef\u00fchl, das ihn an die sanfte Ber\u00fchrung seines M\u00e4dchens erinnerte. Shannon, die er nie vergessen hatte. Wild wie der Fluss. Er gab sich einen Ruck, zog die Hand zur\u00fcck und griff wieder nach den Z\u00fcgeln. Mit einem leichten Schenkeldruck signalisierte er Spirit, sich in Bewegung zu setzen. Dieser nutzte die ersehnte Geste und schoss mit einem gewaltigen Satz nach vorne, verfiel blitzschnell in gestreckten Galopp. Jeden anderen Reiter h\u00e4tte der Hengst aus dem Sattel geschleudert, doch Jack, der das Temperament seines Tieres kannte, hatte sein Gleichgewicht verlagert und sich in die Steigb\u00fcgel gestellt. Er lachte \u00fcberm\u00fctig auf und beugte sich tiefer \u00fcber den Hals seines Gef\u00e4hrten.<br>\n\u201eAber pass auf, mein Junge, du kennst diese Gegend nicht\u201c, rief er Spirit zu und genoss den Wind, der ihm ins Gesicht peitschte.<br>\nNicht lange, da hatten sie die Anh\u00f6he hinter sich zur\u00fcckgelassen und passierten das verwitterte Schild, auf dem mit neuer Farbe \u201eWillkommen in Diggers Creek, 50 + 3 lebendige Seelen, 12, 15, 30 Tote, 4000 + gl\u00fcckliche Goldgr\u00e4ber\u201c geschrieben stand.<br>\nJack riss \u00fcberrascht die Augenbrauen in die H\u00f6he und murmelte: \u201e50 + 3? Hier nimmt\u00b4s wohl jemand sehr genau.\u201c Bei n\u00e4herer Betrachtung erschien es ihm einleuchtend, dass die B\u00fcrger dieser Gemeinde in allen Lebensbereichen auf einer derart ausgepr\u00e4gten Penibilit\u00e4t bestanden. Angesichts der legend\u00e4ren Goldmenge, die man hier zu sch\u00fcrfen gewohnt war, ben\u00f6tigte es einen findigen Buchhalter, der \u00fcber die Weitsicht verf\u00fcgte, um den Reichtum in der Stadt zu halten. Seine Mundwinkel bogen sich nach oben, w\u00e4hrend er gem\u00e4chlich die breite Hauptstra\u00dfe entlang trabte. Um diese Zeit spielte sich das Leben im Inneren der H\u00e4user ab und der Kerzenschein, der durch die Fenster ins Freie fiel, best\u00e4tigte seine Vermutung. Er kannte \u00e4hnliche Orte zuhauf \u2013 seit er ein junger Mann gewesen war, reiste er auf der Jagd nach dem vollkommenen Gl\u00fcck von einem zum n\u00e4chsten. Er f\u00fchrte ein hartes aber abwechslungsreiches Dasein, insbesondere, da das Gesch\u00e4ft mit dem Gold immer mehr in die H\u00e4nde ausgefuchster Unternehmer geriet. Deren bemitleidenswerte Arbeiter trieben unerm\u00fcdlich tiefe Stollen in die Berge. Doch auch wenn sie auf eine ergiebige Goldader stie\u00dfen, erhielten sie zu wenig Lohn, um sich aus den versklavenden F\u00e4ngen ihrer Arbeitgeber zu befreien.<br>\nDie munteren Kl\u00e4nge eines au\u00dfer Rand und Band geratenen Pianos verdr\u00e4ngten die sich wie eine Schlinge um den Ort legende Stille und vermittelten dem Fremden so etwas wie ein Heimatgef\u00fchl. Jack sa\u00df ab, band Spirit neben einem Wassertrog an einen Pfahl und t\u00e4tschelte ihm den Hals.<\/p>\n\n\n\n<p> \u201eIch schicke gleich einen Jungen zu dir, der dich verw\u00f6hnen wird\u201c, versprach er, tastete nach seinem breiten Lederg\u00fcrtel und kontrollierte, ob sein Colt richtig sa\u00df. Auf dem Weg zu den halbhohen Saloont\u00fcren durchforstete er seine Jackentaschen nach einem Penny. Diesen warf er einem der Halbw\u00fcchsigen zu, die sich aus dem Schatten der Holzveranda gel\u00f6st hatten, um ihm zu Hilfe zu eilen.<br> \u201eReib ihn ab und f\u00fctter ihn. Ich bleibe \u00fcber Nacht\u201c, rief Jack dem Knaben zu, der seine Bezahlung flink mit einer Hand auffing und nickte.<br> \u201eWird erledigt, Misser\u201c, antwortete er und trat neben Spirit.<br> Jack st\u00f6hnte unterdr\u00fcckt, bevor er die Schwingt\u00fcren aufstie\u00df. Misser \u2026 verdammt, wie er den hiesigen Dialekt verachtete!<br> Nichtsdestotrotz verstand man es hier, zu feiern, wie er mit einem pr\u00fcfenden Blick in die Runde feststellte. Die schleppende Stimme des Klavierspielers, der soeben zu singen begonnen hatte, stritt mit dem Instrument um die Vorherrschaft. Erst jetzt bemerkte Jack den Banjospieler, der beherzt in die Saiten griff und hin und wieder den richtigen Ton traf. Unten in Leadville, Ohio, h\u00e4tten sie ihn l\u00e4ngst f\u00fcr diese ohrenbet\u00e4ubende Darbietung erschossen. Jack runzelte sekundenlang die Stirn, lie\u00df sich dann aber von dem vorherrschenden Tumult ablenken. Weiter hinten im Raum hatte man eine Zielscheibe an die Wand geh\u00e4ngt, die in regelm\u00e4\u00dfigen Abst\u00e4nden durchl\u00f6chert wurde. Eine Gruppe M\u00e4nner hatte sich einige Meter davor aufgebaut. Unter gr\u00f6lendem Gel\u00e4chter zielten die angeheiterten Gesellen abwechselnd mit ihren Pistolen darauf und feuerten, wobei sie zumeist ihr Ziel verfehlten. Wie man von einer St\u00e4tte wie dieser erwartete, sa\u00dfen Kartenspieler an \u00fcber den Raum verteilten Tischen und spielten Poker. Im Pott lagen Goldnuggets und eine Menge unterschiedlicher M\u00fcnzen. Vermutlich befanden sich darunter auch australische oder europ\u00e4ische Pr\u00e4gungen, denn die ganze Welt war in einem Dorf wie diesem zu Gast. Soweit sich Jack erinnerte, gelangte Diggers Creek vor einigen Monaten zu neuem Ruhm, als au\u00dfergew\u00f6hnlich zahlreiche Goldfunde jedes Sch\u00fcrferherz h\u00f6herschlagen lie\u00dfen. Mal sehen, ob die Ger\u00fcchte halten, was sie versprechen. Ohne sich lange aufzuhalten, steuerte Jack die Bar an und schnippte seinen Hut nach hinten, der durch ein Band an seinem Hals im Nacken gehalten wurde. Der Wirt, ein f\u00fclliger, beh\u00e4biger Mann in kariertem Hemd, schleppte sich zu ihm und wischte sich mit dem \u00c4rmel des Unterarms den Schwei\u00df von der Stirn.<br> \u201eMisser, was darf\u00b4s sein?\u201c, wollte er knapp wissen, so, als w\u00e4ren die Worte, die er am Tag zu sprechen hatte, genau abgez\u00e4hlt und gingen zur Neige.<br> \u201eWhisky\u201c, erwiderte Jack und setzte jenes L\u00e4cheln auf, das schon so manches M\u00e4dchen in erhebliche Schwierigkeiten gebracht hatte.<br> Ohne eine Miene zu verziehen, musterte ihn der Wirt, als warte er auf etwas. Da Jack ihn unver\u00e4ndert freundlich betrachtete, sah er sich dazu gen\u00f6tigt, eine Frage nachzuschieben: \u201eWas hast du?\u201c, brummte er und ein ungeduldiger Ton schwang in seiner Stimme mit.<br> \u201e\u00c4h? Was ich habe?\u201c Jack kratzte sich irritiert das Kinn. Er konnte sich nicht vorstellen, was der Wirt von ihm wollte. Er hatte bestellt, das war es doch, worum es hier ging. Besonders helle wirkte sein Gegen\u00fcber auf den ersten Blick jedenfalls nicht, schien aber zu begreifen, dass er mit Schweigen hier nicht weiterkam.<br> \u201eWas zahlst du?\u201c, formulierte der Gastwirt deshalb seine Frage um. \u201eWohl noch nich lange hier?\u201c<br> Jack atmete aus. \u201eRichtig, bin gerade angekommen und auf der Suche nach einem ruhigen, sauberen Zimmer. Ich hoffe, ihr habt noch eines frei?\u201c<br> Wieder setzte er ein harmloses L\u00e4cheln auf.<br> \u201eWas hast du?\u201c, wiederholte der Wirt stoisch, weshalb Jack in die Jackentasche griff, um seinen Geldbeutel hervorzuziehen. Mit einem dumpfen Laut lie\u00df er ihn vor sich auf die Tischplatte plumpsen. Anstatt zu antworten, deutete er l\u00e4ssig darauf.<br> Erst jetzt wanderten die Mundwinkel des Bartenders einen Fingerbreit nach oben.<br> \u201eEs is noch ein Zimmer frei\u201c, murmelte er, krallte sich die Geldb\u00f6rse und steckte sie ein. \u201eWie lange willst du bleiben?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eDas h\u00e4ngt ganz von meinem Gl\u00fcck ab\u201c, erwiderte Jack, verschr\u00e4nkte die Arme vor sich auf der Tischplatte und st\u00fctzte sich darauf ab. \u201eHab geh\u00f6rt, eine beachtliche Anzahl Sch\u00fcrfer verl\u00e4sst diesen Ort als reiche M\u00e4nner.\u201c<br> Der Wirt zuckte mit den Achseln, griff nach einer Whiskyflasche und einem Glas und schenkte schweigend ein. Das leise Pl\u00e4tschern wurde von den Umgebungsger\u00e4uschen verschluckt. Soeben fiel ein Stuhl hinter Jacks R\u00fccken laut krachend um, ein erstes Anzeichen daf\u00fcr, dass hier bald eine ordentliche Schl\u00e4gerei in Gang sein w\u00fcrde. Jack machte sich nicht die M\u00fche, sich umzudrehen. Stattdessen umschloss er das Glas, welches ihm der Wirt hinschob. Augenblicke sp\u00e4ter hatte er es zur H\u00e4lfte gelehrt und r\u00fclpste zufrieden.<br> Der Mann, der neben ihm auf einem Hocker sa\u00df, trommelte mit den Fingern auf dem polierten Tresen, was die Aufmerksamkeit des Gastwirtes auf ihn lenkte.<br> \u201eIs es dir noch nicht laut genug, Windmill Luke?\u201c, brummte der Bartender und wandte sich wieder dem Neuank\u00f6mmling zu. \u201eDu kannst ein paar Tage bleiben. L\u00e4nger, wenn du nachlegst.\u201c<br> \u201eAlles klar, das ist ein \u00fcblicher Deal in einer solchen Situation\u201c, erwiderte Jack und grinste. Dachte der Wirt, er \u00fcbernachtete das erste Mal in einer Gastst\u00e4tte? Windmill Luke gluckste: \u201eEin \u00fcblicher Deal in einer solchen Situation \u2026 das gef\u00e4llt mir!\u201c Er lachte in sich hinein, drehte den Kopf und sah Jack in die Augen, wobei er ihm eine Hand entgegenstreckte. \u201eWindmi\u2026\u201c, er brach ab und zog die Augenbrauen zusammen, w\u00e4hrend er ihn entgeistert musterte. Dabei sank sein Arm langsam tiefer.<br> \u201eJack Duncon\u201c, erwiderte Jack. \u201eSind wir uns schon mal begegnet?\u201c<br> Statt einer Antwort glitt Windmill Luke vom Hocker. Krankhaft erbleicht, erweckte er den Eindruck, eines Geistes ansichtig geworden zu sein.<br> \u201eBleib, wo du bist. Ich bin gleich zur\u00fcck\u201c, murmelte er und st\u00fcrzte davon. Auf dem kurzen Weg zur T\u00fcr prallte er mit einem betrunkenen Dandy zusammen, den er ver\u00e4rgert am Kragen packte, um ihn dann ungeduldig von sich zu schleudern. Der Goldjunge verlor das Gleichgewicht und fiel auf den Tisch hinter sich, direkt in den Pott einer fortgeschrittenen Pokerrunde. Die dadurch hervorgerufene Pr\u00fcgelei ignorierend, verschwand Windmill Luke im Freien. Jack, der ihm mit verzogenem Mund nachgesehen hatte, drehte sich wieder zum Wirt.<br> \u201eMerkw\u00fcrdiger Kauz\u201c, murmelte er. \u201eHast du eine Ahnung, was ihn derma\u00dfen aus dem Tritt gebracht hat?\u201c<br> \u201eNein, aber Windmill Luke is der Hilfssheriff von Diggers Creek.\u201c<br> Abwartend blickte der Neuank\u00f6mmling sein Gegen\u00fcber an. \u201eJa, und?\u201c, hakte er nach, als er einsah, dass der Mann verstummt war.<br> \u201eNichts weiter. Nach Tiny Sheep arbeitet er am engsten mit dem kleinen Doc zusammen und das will was hei\u00dfen.\u201c<br> Langsam stieg in Jack die Gewissheit auf, hier von einigen Wahnsinnigen umzingelt zu sein. Kein Wunder. Bevor Diggers Creek in neuem Glanz erstrahlt war, musste es ein leidlich kleines Nest Zur\u00fcckgebliebener gewesen sein. Der neu ausgebrochene Goldrausch hatte sich offenbar keineswegs positiv auf den Geisteszustand der alteingesessenen Bewohner ausgewirkt.<br> \u201eAlles klar, verstehe\u201c, seufzte Jack und klopfte mit dem Zeigefinger gegen sein Glas. \u201eDer kleine Doc ist so etwas wie ein guter Geist, der euch die Welt erkl\u00e4rt.\u201c<br> Sekundenlang musterte ihn der Wirt \u00fcberrascht, dann sch\u00fcttelte er den Kopf. \u201eEr is kein Geist, sondern ein Doktor. Seit er mit seinem Enkelsohn in die Stadt gezogen is, geht\u2018s bei uns bergauf.\u201c<br> Da entsann sich der Gl\u00fccksritter der Willkommenstafel vor Diggers Creek.<br> \u201eHa, ihr habt euch verrechnet. Es sind + 2, nicht + 3!\u201c<br> \u201eWie?\u201c Diesmal starrte der Wirt ihn an, als h\u00e4tte er nicht alle Tassen im Schrank.<br> \u201eAuf dem Schild steht + 3\u201c, erinnerte Jack den Barmann, der endlich verstand und abwinkte.<br> \u201eDer Dritte is Tiny Sheep. Also drei. Es stimmt, was dort steht. Immerhin hat uns der kleine Doc angesagt, was wir hinschreiben sollen. Und was der kleine Doc uns sagt, hat Hand und Fu\u00df.\u201c<br> \u201eAh\u201c, Jack tippte sich an die Schl\u00e4fe. \u201eDer kleine Doc rechnet also auch f\u00fcr euch.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Der Wirt griff nach einem alten Lappen und wischte damit \u00fcber die Holzfl\u00e4che. Ein unangenehmer Geruch kroch Jack in die Nase und er hielt sich sekundenlang den \u00c4rmel davor. Er bezweifelte, dass die Platte jetzt sauberer als zuvor war.<br> \u201eS\u2019is so: Der kleine Doc hat uns wieder auf die Beine geholfen. Was er anschafft, wird gemacht. Bis auf Creepy Amanda hat das hier jeder kapiert.\u201c<br> Jack l\u00fcpfte die linke Augenbraue und verbiss sich eine ironische Bemerkung. Hinter ihm krachte es laut. Zweifellos hatte ein Tisch den, durch die Handgreiflichkeiten verursachten, heftigen St\u00f6\u00dfen nicht l\u00e4nger standgehalten und war zusammengebrochen. Goldnuggets und M\u00fcnzen schepperten, als sie sich \u00fcber den Boden verteilten. In dem Moment brach die H\u00f6lle los, denn weder Sch\u00fcrfer, noch Revolverhelden k\u00f6nnen es ertragen, wenn derlei Wertgegenst\u00e4nde ohne Besitzer herumliegen. Kurz \u00fcberlegte Jack, sich ins Get\u00fcmmel zu st\u00fcrzen, doch lenkte Windmill Luke, der wieder in den Saloon gepoltert kam, seine Aufmerksamkeit auf sich. Das Gesicht des Hilfssheriffs war unver\u00e4ndert von einer unnat\u00fcrlichen Bl\u00e4sse \u00fcberzogen und seine Augen gl\u00e4nzten fiebrig. Ihm auf den Fersen folgten zwei M\u00e4nner und Jack beobachtete, wie sie, auf dem Weg zu ihm, herumfliegenden Flaschen, F\u00e4usten und St\u00fchlen auswichen. Unmittelbar vor ihm hielt Windmill Luke inne, hob ein St\u00fcck zerknittertes Papier in die H\u00f6he, von dem er mehrmals abwechselnd zu ihm und wieder zur\u00fcck sah.<br> \u201eEr ist es\u201c, stellte er zufrieden fest und die M\u00e4nner an seiner Seite nickten zustimmend.<br> \u201eWer bin ich?\u201c, wollte Jack perplex wissen und eine erste Beunruhigung, dass hier etwas ganz und gar im Argen lag, sorgte f\u00fcr ein Kribbeln in seinem rechten Zeigefinger &#8211; wie stets, kurz bevor er abdr\u00fcckte. <br> \u201eJack Duncon, ein gemeiner Dieb, hinterh\u00e4ltiger Betr\u00fcger, Trickspieler und was es sonst noch so gibt.\u201c Windmill Luke drehte den Zettel so, dass Jack die Skizze eines Mannes betrachten konnte. Unverkennbar prangte sein Konterfei darauf. Aber wie, verdammt, war es hierher und in die H\u00e4nde des Sheriffs geraten?<br> \u201eIch bin mir keiner Schuld bewusst\u201c, erkl\u00e4rte er seelenruhig und hoffte, dass es ihm gelang, diese traurige Ansammlung der Verk\u00f6rperung kalifornischen Rechts davon abzubringen, ihn ins Gef\u00e4ngnis zu sperren.<br> \u201eKurz nachdem der kleine Doc nach Diggers Creek gezogen ist, hat er diese Zeichnung angefertigt und im B\u00fcro des Sheriffs aufgeh\u00e4ngt. Er hat uns gewarnt und uns eingebl\u00e4ut, dass der Tag, an dem Jack Duncon einen Fu\u00df in dieses Dorf setzt, verflucht ist, da du mehr als Ungl\u00fcck bringst. Und deshalb\u201c, fassungslos beobachtete Jack, wie die beiden M\u00e4nner an Windmill Lukes Seite ihre Revolver auf ihn richteten, \u201ewerden wir dich einsperren, bis der kleine Doc entschieden hat, welcher Strafe wir dich zuf\u00fchren sollen.\u201c<br> Jack fluchte ungehalten, streckte aber, angesichts der \u00dcbermacht seiner Gegner, eine Hand in Richtung Wirt aus. \u201eWie\u2019s aussieht, habe ich f\u00fcr die kommende Nacht eine andere Bleibe. Gib mir mein Geld zur\u00fcck!\u201c<br> Der Bartender sch\u00fcttelte den Kopf. \u201eDu wolltest das Zimmer, du hast das Zimmer und dabei bleibt\u2018s.\u201c<br> \u201eVerdammt, was ist das hier nur f\u00fcr ein h\u00f6llischer Ort!\u201c, schimpfte Jack und verfolgte verdattert, wie ihm Handschellen angelegt wurden.<br> Er wehrte sich nicht, als sie ihn ins Freie und die dunkle Hauptstra\u00dfe entlangf\u00fchrten. Mittlerweile gl\u00fchte sein Zorn hei\u00dfer als die Sonne im Death Valley. Der kleine Doc sollte ihm nur unter die Augen treten! Er w\u00e4re schneller tot, als er \u00fcberhaupt begriffen h\u00e4tte, dass Jack seinem elenden Leben ein Ende bereitete.<br> Sie mussten nicht weit gehen und erreichten das Geb\u00e4ude des Sheriffs wenige Minuten sp\u00e4ter. Als sie eintraten, erhob sich ein B\u00e4r von einem Mann aus einem Stuhl und musterte den Gefangenen finster.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eIch nehme an, du bist der vielzitierte kleine Doc?\u201c, stellte Jack, mit der Intention keine Schw\u00e4che zu zeigen, sarkastisch fest und wunderte sich nicht im Geringsten, dass der Name des Riesen \u00fcberhaupt nicht zu seinem Gegen\u00fcber passte. In diesem abgehalfterten Kaff war zweifellos niemand ganz richtig im Hinterst\u00fcbchen. Trotzdem musterte ihn der B\u00e4r, als w\u00e4re er, Jack, unzurechnungsf\u00e4hig. Dies war himmelschreiend l\u00e4cherlich und \u00e4u\u00dferst beleidigend!<br> \u201eSperrt ihn ein\u201c, befahl der Riese, ohne ihn aus den Augen zu lassen. \u201eWir haben lange auf dich gewartet.\u201c<br> Mittlerweile hoffte Jack, zu tr\u00e4umen. Er hatte es aufgegeben, eine schl\u00fcssige Erkl\u00e4rung f\u00fcr die aktuellen Vorg\u00e4nge zu finden, da es an ihnen mangelte. Ja, er gab gerne zu, kein Kind von traurigen Eltern zu sein \u2013 war es nie gewesen. Au\u00dferdem sprach gegen ihn, dass er nichts hatte anbrennen lassen und so manchen \u00fcbervorteilte. Doch er hatte stets seine Schulden bezahlt und fair gespielt. Er hatte niemanden erschossen, der es nicht verdient h\u00e4tte, oder gar bestohlen. Was hier geschah, war r\u00e4tselhaft und zutiefst unrecht! Mitleidlos bugsierten ihn die M\u00e4nner in eine Zelle, bevor sie ihm die Handschellen abnahmen, als w\u00e4re er einer der Dalton Br\u00fcder. Unfassbar!<br> Jack war schon mal f\u00fcr eine Nacht eingesessen. Das war vor \u00fcber einem Jahr in Cripple Creek, Colorado, gewesen. Der Sheriff hatte ihn, aus Mangel an Beweisen, am n\u00e4chsten Tag freigelassen. Desgleichen erwartete er auch in dieser Situation. Niemand kannte ihn hier, demnach gab es keinen ernstzunehmenden Ankl\u00e4ger. Denn vor einem kleinen Doc f\u00fcrchtete er sich nicht. Wirklich l\u00e4cherlich die ganze Angelegenheit!<br> \u201eAlso Leute\u201c, begann er, trat ans Gitter und ballte die F\u00e4uste um die St\u00e4be, \u201eich bin sehr daf\u00fcr, die Sache abzuk\u00fcrzen. Was haltet ihr davon, wenn ihr den Sheriff sofort holt? Als Dank f\u00fcr eure Bem\u00fchungen gebe ich eine Runde aus. Klingt das nicht verlockend?\u201c<br> Windmill Luke wechselte einen schnellen Blick mit dem Riesen, auf dessen Wangen ein buschiger Bart wild spross. Als Letzterer ablehnend den Kopf sch\u00fcttelte, verdrehte Jack die Augen.<br> \u201eUm diese Zeit d\u00fcrfen wir den kleinen Doc unter keinen Umst\u00e4nden st\u00f6ren. Du musst dich also bis morgen gedulden\u201c, erkl\u00e4rte der H\u00fcne ohne Mitgef\u00fchl und f\u00fcgte h\u00f6flich hinzu: \u201eTrotzdem danke f\u00fcr das Angebot.\u201c<br> Jack, am Rande der Verzweiflung, r\u00fcttelte an den Gitterst\u00e4ben, um die Aufmerksamkeit der Anwesenden wieder auf sich zu lenken.<br> \u201eIch dachte, du bist der kleine Doc?\u201c, wunderte er sich. \u201eAber egal, der kleine Doc wird in der Angelegenheit nicht gebraucht. Denn ich verlange nach dem Sheriff!\u201c<br> \u201eDer kleine Doc ist doch der Sheriff!\u201c, rief Windmill Luke aus und sein Gesichtsausdruck offenbarte dem aufmerksamen Beobachter, dass er \u00fcberlegte, was er von dem Gefangenen halten sollte.<br> \u201eWas?\u201c, st\u00f6hnte Jack Duncon und gab auf.<br> W\u00e4hrend er zischend Luft ausstie\u00df, trat er zur\u00fcck und lie\u00df sich auf die spartanische Pritsche fallen. Welch ein Albtraum!<br> \u201eDer kleine Doc und der Sheriff sind ein und dieselbe Person\u201c, wiederholte der B\u00e4r geduldig. \u201eNebenbei bemerkt ist er der beste Sheriff von hier bis Houston, Texas.\u201c<br> \u201eBis Houston, Texas\u201c, murmelte Jack und lie\u00df sich nach hinten sinken. Schicksalsergeben ergriff er den Hut und zog diesen \u00fcber sein Gesicht. Der verbeulte Stetson half ihm dabei, die Welt um sich herum auszublenden.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\">II<\/h2>\n\n\n\n<p><strong><em>Virginia City, Nevada, im Jahre 1875<\/em><\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>An dem Tag, als Jack Duncon in mein Leben trat, verbrachte ich den Vormittag damit, bei der Schneiderin die Schnittmuster f\u00fcr mein Hochzeitskleid \u2013 Michael MacKanzie hatte am vergangenen Abend bei meinem Vater um meine Hand angehalten \u2013 durchzusehen. Sie hatte sich geweigert, meine Ma\u00dfe zu nehmen. Bis zu meiner Trauung mit Michael MacKanzie in einem halben Jahr k\u00f6nne sich die Figur einer Frau dreimal ver\u00e4ndern, so ihre Begr\u00fcndung. Ich ahnte in dem Moment nicht, wie Recht sie damit hatte und h\u00e4tte ich vermutet, was bald darauf geschehen w\u00fcrde \u2026 wahrlich, ich h\u00e4tte einen anderen Heimweg eingeschlagen oder ein paar Minuten l\u00e4nger die feinen Stoffe inspiziert, die ein H\u00e4ndler vor wenigen Tagen geliefert hatte. Aber ich ahnte nichts von Jack Duncon, seinen breiten Schultern, den dunkelblauen Augen und dem rastlosen Herzen, das immer auf der Suche nach Abenteuer ist. Jack erz\u00e4hlte nichts \u00fcber seine Vergangenheit, zog es vor, im Augenblick zu existieren und die Zukunft auszublenden. Denn sie bot keinerlei Sicherheit, da sie von einer Sekunde auf die n\u00e4chste erl\u00f6schen konnte. Hier, im Wilden Westen, ist es keine Seltenheit, den Tag mit einer Kugel im Kopf zu beenden. Deswegen f\u00fcllte er jeden Augenblick mit Leben, kostete von all seinen Facetten und feierte bis sp\u00e4t in die Nacht.<br> Jene Welt, in der er sich bewegte, war mir g\u00e4nzlich fremd. Ich ahnte nichts von den Abgr\u00fcnden der Menschheit, die sich vor mir auftaten, als ich mit z\u00fcchtig gesenktem Antlitz die Hauptstra\u00dfe entlang eilte. Als Pfarrerstochter und zuk\u00fcnftiges Familienmitglied der MacKanzies musste ich mich durch mein Verhalten von der lasterhaften Umgebung meiner Heimatstadt abgrenzen. Deswegen fixierte ich den Weg vor mir, sah weder nach links oder rechts und hoffte, auf diese Weise niemandem aufzufallen. Als sich mir ein Paar M\u00e4nnerstiefel in den Weg stellte, hielt ich gezwungenerma\u00dfen an und schaute langsam auf. Die Hose, welche in den dunklen Stiefeln endete, hatte die gleiche Farbe wie der Sand, der sein Schuhwerk \u00fcberzog und wurde mit einem breiten G\u00fcrtel, in dem ein Colt und Patronen steckten, an der H\u00fcfte zusammen gehalten. Auch auf dem schwarzen Hemd glitzerte eine d\u00fcnne Staubschicht, doch sein Halstuch war sauber und korrekt gebunden. Sein markantes Kinn lie\u00df mich schlucken, der l\u00e4chelnde Mund nahm mich f\u00fcr ihn ein, bevor er ein Wort gesagt hatte, und seine blauen Augen \u2026 seine blauen Augen wirkten wie eine Einladung in den Himmel.<br> \u201eNa, kleine Miss, entschuldigen Sie meine Unh\u00f6flichkeit\u201c, bat er freundlich. Ihn zu h\u00f6ren, diese Stimme \u2026 in dem Augenblick war mir klar, dass ich ihn nie vergessen w\u00fcrde. Nie!<br> Dennoch war mir zu jenem Zeitpunkt gegenw\u00e4rtig, wie man sich als junges M\u00e4dchen zu verhalten hatte und ich wirbelte auf dem Absatz herum. Dieser Mann bringt Schwierigkeiten \u2013 ich erkannte es innerhalb eines Wimpernschlages. Aber ich sollte ihm nicht entkommen, denn er holte mich mit wenigen Schritten ein und versperrte mir erneut den Weg.<br> \u201eWieso laufen Sie vor mir davon? Ich will doch nur erfragen, in welche Richtung ich mich wenden muss, um auf den Saloon zu sto\u00dfen.\u201c<br> Ich hielt den Atem an, als ich es zum zweiten Mal wagte, ihm in die Augen zu sehen. Was ich in ihnen lesen konnte, schlug mich in seinen Bann. Noch heute vermag ich nicht zu erkl\u00e4ren, mit welchem Trick er mich zu seiner Gefangenen machte. Gut m\u00f6glich, dass mich der frevelhafte Einfluss dieser Stadt \u00fcberw\u00e4ltigt und sich in Form von Abenteuerlust in meinem Herzen eingenistet hatte. Ja, so muss es wohl geschehen sein. Ich erkannte mit unfehlbarer Sicherheit, dass ich an der Seite dieses Mannes vom Leben auf eine Weise w\u00fcrde kosten k\u00f6nnen, wie es mir sonst nie verg\u00f6nnt w\u00e4re. Als ich in jenes fremde Augenpaar starrte, verga\u00df ich Michael MacKanzie, meinen Verlobten. Gleichsam entfielen mir s\u00e4mtliche Benimmregeln, die einem unverheirateten M\u00e4dchen generell untersagten, mit einem Mann zu sprechen. Mir blieb keine Wahl, ich musste ihn ansehen und versank in den Tiefen seiner Pupillen. Sein verf\u00fchrerisches L\u00e4cheln dehnte sich aus, als gel\u00e4nge es ihm, in mir wie in einem Buch zu lesen.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eHey\u201c, raunte er und verbeugte sich leicht, ohne den Blick von mir abzuwenden, \u201edarf ich mich vorstellen? Jack Duncon, der gr\u00f6\u00dfte Abenteurer des Wilden Westens.\u201c<br> Wie ein Gentleman mit besten Manieren l\u00fcpfte er seinen Hut. Ich konnte nicht anders und kicherte hinter vorgehaltener Hand.<br> \u201eUnd Sie sind?\u201c<br> \u201eShannon\u201c, stammelte ich. \u201eMehr darf ich Ihnen nicht verraten.\u201c Pl\u00f6tzlich f\u00fchlte ich die Blicke der anderen Passanten und erinnerte mich meiner Pflichten. \u201eWenn Sie ungef\u00e4hr hundertf\u00fcnfzig Schritt weitergehen \u2026\u201c, hektisch zeigte ich in die Richtung, aus der ich gekommen war, \u201ewerden Sie auf den Saloon sto\u00dfen. Sie k\u00f6nnen ihn nicht verfehlen, Mr Duncon.\u201c<br> Er l\u00fcftete den Hut zum zweiten Mal. \u201eVielen Dank, kleine Lady. Und wohin muss ich mich wenden, um Sie erneut zu treffen?\u201c<br> \u201eIn Richtung Kirche\u201c, fl\u00fcsterte ich und err\u00f6tete.<br> Ich straffte mich, umrundete ihn und eilte von ihm fort und meinem Elternhaus entgegen. Obwohl ich unter keinen Umst\u00e4nden auf diese Begegnung h\u00e4tte verzichten wollen, hoffte ich dennoch, dass mein Vater nie davon erfahren w\u00fcrde, dass seine j\u00fcngste Tochter mit einem Fremden gesprochen hatte. Und nicht nur er, Michael hatte es ebenso nicht verdient, aufgrund meines mangelhaften Verhaltens unter \u00fcbler Nachrede zu leiden. Mir der aufziehenden Gefahr bewusst, verbot ich mir, mich ein letztes Mal zu Jack Duncon umzudrehen. Dennoch \u00fcberkam mich das Gef\u00fchl, dass sich sein Blick in meinen R\u00fccken bohrte. Es ergab sich indessen bedauerlicherweise keine Gelegenheit, mich davon zu \u00fcberzeugen.<br> Stattdessen zwang ich mich dazu, an Michael zu denken. Er war rechtschaffen und mir zugetan. Meinem Vater hatte er versprochen, bis zu unserer Verm\u00e4hlung ein Blockhaus zu errichten, in das ich als seine Frau ziehen w\u00fcrde. Momentan wohnte er in einem Soddy, einem der Grash\u00e4user. Mein Vater h\u00e4tte nie eine eheliche Verbindung mit einem Mann ohne ordentlichem Haus gebilligt. Deswegen legte Michael MacKanzie ihm die Verkaufsurkunde eines Grundst\u00fcckes, das er kurz zuvor erworben hatte, vor. Erst dann willigte Vater unter Vorbehalt ein, mich ihm vor Ende des Jahres als Eheweib anzuvertrauen.<br> Vier Monate sp\u00e4ter, war das Blockhaus nahezu fertiggestellt. Mein Verlobter arbeitete hart an der Vollendung unseres Heims und sein unerm\u00fcdlicher Einsatz bewies mir, wie ungemein er sich danach sehnte, mich endlich \u00fcber die Schwelle tragen zu d\u00fcrfen.<br> Zwei Monate vor dem geplanten Hochzeitstermin pr\u00e4sentierte er mir und meinen Eltern mit einem bescheidenen L\u00e4cheln die Fortschritte seines Schaffens. Dieser Tag war dazu auserkoren, einer der sch\u00f6nsten meines Lebens zu werden. Aber schrecklicher Kummer dr\u00fcckte auf mein Gem\u00fct. Auch heute, wenn ich mich an Michaels strahlendes Gesicht, seine stolzgeschwellte Brust erinnere, wird mir schwer ums Herz. Seine euphorischen Ausf\u00fchrungen glichen f\u00fcr mich einer Grabrede, denn mir war zu dem Zeitpunkt schon bewusst gewesen, dass ich niemals in dieses pr\u00e4chtige Haus einziehen w\u00fcrde. Trotzdem brachte ich es nicht \u00fcber mich, ihm mein sch\u00e4ndliches Geheimnis zu beichten. Die Vorstellung, von ihm zur\u00fcckgewiesen zu werden und mein Gesicht zu verlieren, kostete mich fast den Verstand und verhinderte, dass ich mich ihm offenbarte.<br> Aber das ist Jahre her. Ich bin davon \u00fcberzeugt, dass Michael MacKanzie in der Zwischenzeit ein anderes M\u00e4dchen gefunden und mit ihm eine Familie gegr\u00fcndet hat. Ohne Zweifel hat er mich l\u00e4ngst vergessen und meinen Namen aus seinen Gedanken gel\u00f6scht. Ich kann es ihm nicht verdenken. Gewiss h\u00e4tte ich an seiner Stelle genauso gehandelt.<\/p>\n\n\n\n<p>Im Laufe der Jahre habe ich aufgeh\u00f6rt, mich zu fragen, wie mein Leben verlaufen w\u00e4re, wenn ich Jack Duncon an jenem Tag nicht getroffen h\u00e4tte. W\u00e4re ich vor dem Blick in diese blauen Augen bewahrt geblieben \u2026 tanzte ich jetzt zweifellos mit dem Gl\u00fcck, das mich in Michael MacKanzies Armen erwartet h\u00e4tte.<br> Die Kerze war heruntergebrannt und kurz davor zu erl\u00f6schen. Shannon klappte das kleine Notizbuch zu, sank in die Knie und schob es in den schmalen Spalt zwischen Kommode und Fu\u00dfboden. Sekundenlang verharrte sie gedankenversunken. Jack Duncon hatte ihr alles genommen. Alles. Ein Teil von ihr hoffte, ihm eines Tages zu begegnen, um an ihm Rache \u00fcben zu k\u00f6nnen. Doch der \u00e4ngstlichere Teil ihres Wesens w\u00fcnschte, ihn niemals wieder sehen zu m\u00fcssen und stattdessen in der Lage zu sein, sich mit dem Schicksal, das ihr widerfahren war, endlich abzufinden.<\/p>\n\n\n\n<p><strong><em>Wieder in Diggers Creek im Jahre 1883<\/em><\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Turk Barns stellte einen verbeulten Blechbecher auf den Tisch, sch\u00f6pfte mit einem unterdr\u00fcckten St\u00f6hnen eine Kelle Wasser hinein und lie\u00df sich langsam auf einen rohgezimmerten Holzstuhl sinken. M\u00fcde rieb er sich die Augen, griff nach dem Becher und trank ihn in einem Zug leer. Er h\u00f6rte die leichten, h\u00fcpfenden Schritte seines Enkelsohns, der zweifellos jeden Augenblick die T\u00fcr aufrei\u00dfen w\u00fcrde, obwohl er ihm schon tausendmal befohlen hatte, zuvor anzuklopfen. Zum einen Ohr rein, zum anderen raus. Er griff nach dem Tuch, das lose um seinen Hals hing, und zerrte es h\u00f6her, verdeckte damit Mund und Nase. Dann schob er sich seinen Montana tiefer in die Stirn und drehte den Kopf zur T\u00fcr, die in diesem Moment voller Schwung aufgesto\u00dfen wurde und mit Karacho gegen die Wand knallte.<br>\n\u201eVerdammt!\u201c, brummte Barns, zog die Augenbrauen zusammen und musterte den Siebenj\u00e4hrigen grimmig. \u201eWie oft soll ich dir noch sagen \u2026\u201c<br>\n\u201eTiny Sheep ist hier, Gro\u00dfvater!\u201c, unterbrach ihn das Kind aufgeregt. Erst jetzt bemerkte Turk Barns den massiven Schatten, der durch den T\u00fcrrahmen ins Innere fiel.<br>\nDer Alte hustete, klopfte sich auf die Brust und winkte den Riesen n\u00e4her.<br>\n\u201eWas gibt\u00b4s?\u201c, wollte er unumwunden wissen und schielte zu der Sch\u00fcssel mit dem Schmortopf, der gestern \u00fcbrig geblieben war und darauf wartete, endlich verzehrt zu werden.<br>\n\u201eDoc, Sie werden nicht glauben, wen Windmill Luke in der Nacht verhaftet hat.\u201c<br>\nSofort richtete der Alte seine komplette Aufmerksamkeit auf sein kraftstrotzendes Gegen\u00fcber. Er st\u00fctzte sich auf dem Tisch ab und stemmte sich, um Nackenverspannungen vorzubeugen, in die H\u00f6he.<br>\n\u201eAch ja?\u201c, brummte er. \u201eDann lass mal h\u00f6ren!\u201c<br>\n\u201eJack Duncon. Der verdammte Jack Duncon is gestern in der Stadt aufgetaucht! Alle Achtung, da schlackern einem die Ohren! Bei allem Indianerschei\u00df, aber wie konnten Sie nur wissen, dass er kommen wird? Wacky Jane hat schon davon gesprochen, Sie zum B\u00fcrgermeister und zum Pfarrer zu ernennen. Dass Sie das wussten, grenzt an \u2026\u201c<br>\nBarns hob Einhalt gebietend die Hand und der Riese verstummte.<br>\n\u201eEinen Dreck wird sie! Das hat \u00fcberhaupt nichts mit Hellseherei zu tun. Ich habe es gewusst, weil der Mistkerl \u00fcberall dort auftaucht, wo man Gold findet. Es war demnach nicht schwer zu erraten\u201c, schimpfte er unwirsch, holte tief Luft und musterte seinen Getreuen. \u201eUnd du bist sicher, dass er es ist?\u201c<br>\n\u201eSo sicher man nur sein kann. Er hat sich selbst mit dem Namen vorgestellt. Und er \u00e4hnelt der Skizze, die im Sheriffb\u00fcro h\u00e4ngt.\u201c<br>\n\u201eDas Beste wird sein, dass ich ihn mir pers\u00f6nlich vorkn\u00f6pfe!\u201c<br>\n\u201eJa, Doc. Duncon kann es kaum erwarten, Ihnen vorgestellt zu werden.\u201c<br>\nBarns holte tief Luft.<br>\n\u201eIch will mitkommen!\u201c, rief Jordan aufgeregt und h\u00fcpfte in die H\u00f6he.<br>\nWieder zogen sich die Augenbrauen des Alten unwillig zusammen.<br>\n\u201eDiese Angelegenheit ist nichts f\u00fcr Kinder\u201c, erkl\u00e4rte er streng. \u201eDu solltest lieber deiner Arbeit nachgehen!\u201c<br>\n\u201eAch, Grandpa, die Schafe k\u00f6nnen warten, aber ein Verbrecher, wie Jack Duncon \u2026 bitte, lass mich ihn ansehen!\u201c<br>\n\u201eKeine Widerrede, du k\u00fcmmerst dich um die Herde!\u201c<br>\nGeb\u00fcckt schlurfte der kleine Doc auf die T\u00fcr zu und trat ins Freie. Er schwankte unter einem pl\u00f6tzlichen Schw\u00e4cheanfall und hielt sich kurz am T\u00fcrrahmen fest.<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eH\u00f6r auf das, was dein Gro\u00dfvater dir aufgetragen hat\u201c, befahl Tiny Sheep und folgte dem Sheriff.<br> \u201eDas ist gemein! Ich bin immerhin alt genug!\u201c, rief ihnen Jordan hinterher. \u201eUnd ich kann die Schafe nicht leiden! Old Wallace meinte, dass diese Viecher nur die Gegend verseuchen und in Diggers Creek nichts zu suchen h\u00e4tten! Ich finde, er hat recht!\u201c<br> Turk Barns atmete tief ein und drehte sich erneut zu seinem Enkelsohn um.<br> \u201eOld Wallace irrt sich gewaltig. Es gibt keinen Grund, sich zu beschweren. Um keinen Ansto\u00df zu erregen, bef\u00f6rderst du schlie\u00dflich jeden Abend gewissenhaft die Ausscheidungen der Tiere in den Fluss, oder etwa nicht?\u201c Er hob einen Finger: \u201eEs bleibt dabei: Auf meine Schafe lasse ich nichts kommen.\u201c<br> Der Knabe schob schmollend die Unterlippe vor, doch unterlie\u00df er einen weiteren Versuch, seinen Gro\u00dfvater umzustimmen.<br> Der betrachtete indessen den Zweisp\u00e4nner, der vor dem Zaun auf sie wartete. \u201eDu holst mich mit der Kutsche?\u201c<br> Der Riese zwirbelte seinen Bart. \u201eNichts f\u00fcr ungut, Doc. Windmill Luke meinte, ich soll die Kutsche nehmen, da Sie doch nicht mehr so gut zu Fu\u00df sin.\u201c<br> Turk Barns stie\u00df ein emp\u00f6rtes Pah aus und winkte mit einer abf\u00e4lligen Geste ab. \u201eViel eher hat Duncon ihn bestochen. Kann\u2019s wohl kaum erwarten, mich zu treffen. Ist es so?\u201c<br> Tiny Sheep zuckte mit den Achseln und half dem klapprigen Greis auf den Kutschbock.<br> \u201eSie wern auch immer leichter, Doc\u201c, stellte er besorgt fest.<br> \u201eAch was\u201c, erwiderte dieser und schloss sekundenlang die Augen. \u201eDas bildest du dir ein. Meine Zeit ist noch lange nicht abgelaufen.\u201c<br> Der B\u00e4rtige sprang neben den Alten, ergriff die Z\u00fcgel und schnalzte mit der Zunge. Turk Barns warf einen letzten Blick auf seinen Enkel, der mit verschr\u00e4nkten Armen auf der Veranda stand und ihnen wutschnaubend nachblickte.<br> Er klammerte sich an die Sitzbank und war dankbar f\u00fcr die Lederhandschuhe, die er wie immer \u00fcbergezogen hatte und die verhinderten, dass er abrutschte.<\/p>\n\n\n\n<p>Jack Duncon hatte schon schlechter geschlafen, als in der Gef\u00e4ngniszelle von Diggers Creek. Einmal hatte er ein Lager inmitten von Eis und Schnee am Rande der Pr\u00e4rie errichtet \u2013 wobei sein Stetson als Kopfkissen fungierte. Angesichts dessen war die Unterbringung hier wahrer Luxus und vor allen Dingen kostenlos. H\u00e4tte er sein Pech vorausgesehen, h\u00e4tte er es tunlichst vermieden, sein hart verdientes Geld diesem geizigen Wirt in den Rachen zu stopfen. Aber was soll\u2019s? Ein frischer Tag war angebrochen und mit ihm die Chance auf neues Gl\u00fcck. Sobald er den kleinen Doc von seiner Redlichkeit \u00fcberzeugt h\u00e4tte, w\u00fcrde er sich auf den Weg zu einem der sagenumwobenen Schleusenk\u00e4sten machen und sich einen \u00dcberblick verschaffen. Wom\u00f6glich gel\u00e4nge es ihm, bei der Gelegenheit einen Claim zu sichern. Dies w\u00e4re zwar eine noch h\u00e4rtere Schinderei, allerdings w\u00e4re mit gr\u00f6\u00dferem Erfolg zu rechnen. Obwohl eine stetig wachsende Zahl an Firmen die Sch\u00fcrfrechte an den Minen erwarben, vermied es Jack tunlichst, f\u00fcr sie zu arbeiten. Er wollte die F\u00f6rderung allein bew\u00e4ltigen und den Gewinn nicht teilen. Der Goldsch\u00fcrfer g\u00e4hnte, streckte sich und setzte sich auf. Abwartend lehnte er sich an die Wand und starrte die T\u00fcr an, durch die der kleine Doc jeden Augenblick kommen musste. Das hoffte er zumindest.<\/p>\n\n\n\n<p>Als Windmill Luke ihm einen erkalteten Eintopf brachte, schnippte er dem Mann eine M\u00fcnze zu und bat ihn, sich f\u00fcr ein baldiges Erscheinen des kleinen Docs einzusetzen. Der Hilfssheriff versprach, sein Bestes zu geben. Wie es aussah, hielt er Wort, denn wenig sp\u00e4ter steckte er den Kopf zur T\u00fcr herein und berichtete, dass der Doc just in diesem Moment die Hauptstra\u00dfe entlangfuhr und gleich eintreffen w\u00fcrde. So weit, so gut. Jack Duncon war davon \u00fcberzeugt, mit dem Alten in K\u00fcrze \u00fcbereinzukommen. Bei der durchschnittlichen Intelligenz der hiesigen Einwohner zweifellos ein Leichtes. Er erhob sich erwartungsvoll, strich sich \u00fcbers Hemd, zupfte sein Tuch zurecht und nahm den Hut ab. Jetzt doch ein wenig angespannt, dr\u00fcckte er den Stetson als Zeichen seines Respekts gegen die Brust. Da die Zelle \u00fcber keinen Spiegel verf\u00fcgte, blieb ihm nur zu hoffen, dass er passabel aussah. Pr\u00fcfend fuhr er sich \u00fcbers Kinn und f\u00fchlte einen fr\u00f6hlich sprie\u00dfenden Bart. Tja, im Wilden Westen stellten jegliche nat\u00fcrlichen Ausw\u00fcchse des Mannes das geringste Problem dar. Hier war man froh, wenn sein Gegen\u00fcber nicht allzu unertr\u00e4glich stank.<br> Er h\u00f6rte eine Kutsche, die zum Stillstand kam, und jemand sprang ab.<br> \u201eDanke, Tiny Sheep.\u201c Die kr\u00e4chzende Stimme eines Greises lie\u00df ihn vermuten, dass der Riese ihm beim Absteigen geholfen hatte.<br> \u201eGerne, kleiner Doc.\u201c<br> Dass es dem Alten nicht zu bl\u00f6d war, von allen so genannt zu werden? Jack sch\u00fcttelte den Kopf und konzentrierte sich auf die T\u00fcr. Windmill Luke hielt diese seinem Chief auf, obwohl eine derartige Ehrerbietung seines Erachtens v\u00f6llig \u00fcbertrieben war. Sei\u2019s drum. Gleich w\u00fcrde er es wissen.<br> Angestrengt lauschte Jack dem Schlurfen eines alten Menschen, der zweifellos unter der Gicht litt. Als er der geb\u00fcckten, schm\u00e4chtigen Gestalt ansichtig wurde, f\u00fchlte er sich in seiner Vermutung, jegliche Gebrechen des Sheriffs betreffend, best\u00e4tigt. Jack \u00f6ffnete den Mund, um mit seiner Verteidigungsrede keine Zeit zu verlieren, doch angesichts des Respekts der anderen beiden M\u00e4nner brachte er kein Wort \u00fcber die Lippen. Schweigend verfolgte er stattdessen, wie sein pers\u00f6nlicher Richter stehenblieb und langsam den Kopf hob. Erst jetzt wurde ihm bewusst, dass das Gesicht des Mannes fast vollst\u00e4ndig verh\u00fcllt war. Aufgrund des Gegenlichts, des Tuches und des in die Stirn gezogenen Hutes, konnte er nur ein kurzes Aufblitzen in den Augen seines Gegen\u00fcbers erkennen, als dieses sein Haupt hob, um ihn eindringlich zu mustern.<br> \u201eLasst uns allein\u201c, befahl der verhutzelte Sheriff und die beiden M\u00e4nner zogen sich sogleich zur\u00fcck. Verdammt, der Alte musste ein ausgezeichneter Sch\u00fctze sein und au\u00dferdem keine Skrupel besitzen, sein K\u00f6nnen anzuwenden! Aus welch anderem Grund w\u00fcrden die zwei kr\u00e4ftigen Kerle hier sonst so schnell den Schwanz einziehen?<br> \u201eWir bleiben in der N\u00e4he, sollten Sie Hilfe ben\u00f6tigen, Doc\u201c, erkl\u00e4rte Windmill Luke und schloss die T\u00fcr.<br> Sofort drang der Stra\u00dfenl\u00e4rm nur noch ged\u00e4mpft ins Innere und eine merkw\u00fcrdige Stimmung erf\u00fcllte den Raum. Jack konnte sich nicht erkl\u00e4ren, was hier geschah. Als lie\u00dfe das ihm widerfahrene, himmelschreiende Unrecht die restliche Welt kalt, tanzte Staub munter in dem breiten Lichtstrahl, der von drau\u00dfen durch ein Fenster hereinfiel. Ratlos hob der Gl\u00fccksritter die Augenbrauen und starrte unger\u00fchrt zur\u00fcck. Es misslang ihm, diesen merkw\u00fcrdigen Gesellen irgendwie einzuordnen, was dazu beitrug, dass ihm der Alte auf eine eigent\u00fcmliche Art unheimlich war. Er hatte etwas an sich, das einen das F\u00fcrchten lehrte. Und das, obwohl der Doc mindestens zwei K\u00f6pfe kleiner war als er. Vermutlich lag das an dem stark gekr\u00fcmmten R\u00fccken, der ihn ganz gewiss ein paar Fingerbreit seiner Gr\u00f6\u00dfe beraubt hatte.<br> \u201eIch habe lange auf dich gewartet, Jack Duncon\u201c, durchbrach die knarzende Stimme des Sheriffs schlie\u00dflich die Stille.<br> \u201eEtwas, das mich sehr wundert\u201c, erwiderte der Gefangene und versuchte ein charmantes L\u00e4cheln. Er war nicht sicher, ob es ihm gelang und er damit die gew\u00fcnschte Wirkung erzielte. \u201eZweifellos handelt es sich um eine Verwechslung.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Anstatt zu antworten, schlurfte der kleine Doc hinter den Schreibtisch und lie\u00df sich \u00e4chzend auf einen Stuhl sinken. Hoffentlich bricht er jetzt nicht zusammen! Wenn er stirbt, werden sie mich daf\u00fcr verantwortlich machen und noch vor der Mittagsglut h\u00e4ngen!<br> Besorgt verfolgte Jack die langsamen, m\u00fchevollen Bewegungen des anderen Mannes. Dieser zog mittlerweile eine Schublade auf, w\u00fchlte darin herum und grunzte zufrieden, als er gefunden hatte, wonach er suchte. Jack kniff die Augen zusammen und meinte zu erkennen, dass es sich bei dem Objekt um ein dicht beschriebenes Blatt Papier handelte.<br> \u201eDas ist die Liste deiner Vergehen, Jack Duncon\u201c, murmelte der Sheriff und bem\u00fchte sich wieder langsam zu ihm. Allein der Anblick dieser gekr\u00fcmmten, halbtoten Gestalt bereitete ihm k\u00f6rperliche Schmerzen. Der Doc reichte den Bogen zwischen den Gitterst\u00e4ben hindurch und Jack langte danach, \u00fcberflog den Inhalt hastig. Als h\u00e4tte jemand den Docht einer Kerze mit angefeuchteten Fingerspitzen ausgel\u00f6scht, erstarb das L\u00e4cheln auf seinem Gesicht. Mit ungewohnt engem Hals r\u00e4usperte er sich.<br> \u201eKaum eine der Anklagen entspricht der Wahrheit\u201c, erkl\u00e4rte er unersch\u00fctterlich und suchte den Blick des Alten.<br> \u201eVermutlich kannst du deine Unschuld beweisen?\u201c Der Sheriff musterte ihn absch\u00e4tzend.<br> \u201eWie sollte ich?\u201c Jack warf den Stetson auf die spartanische Holzpritsche und wendete das Blatt, um sich die restlichen Beschuldigungen durchzulesen.<br> \u201eNun, es werden sich doch Zeugen finden lassen, die f\u00fcr deinen Leumund b\u00fcrgen?\u201c, hakte der Doc unbeteiligt nach. Dennoch meinte Jack, Hohn in den Worten zu bemerken.<br> Er schluckte und fasste sich unbehaglich an die Kehle. F\u00fcr seinen Leumund b\u00fcrgen? Au\u00dfer einer Schar Frauen, denen er das Herz gebrochen hatte, w\u00fcrde sich kaum jemand an ihn erinnern. Er war immerfort unterwegs. Reiste von einem Ort zum n\u00e4chsten. Verweilte nie lange genug, um einen bleibenden Eindruck zu hinterlassen.<br> \u201eIch bef\u00fcrchte nicht\u201c, seufzte der Gefangene schlie\u00dflich. \u201eDennoch handelt es sich hierbei um \u00fcbelste Verleumdungen und ich bestehe darauf, sofort freigelassen zu werden.\u201c<br> Irgendwie gewann er den Eindruck, dass nichts, was er sagte, den Doc von dem ihm zugef\u00fcgten Unrecht \u00fcberzeugte. Bed\u00e4chtig einen Schritt vor den anderen setzend, kehrte der kleine Mann zu seinem Platz zur\u00fcck und lie\u00df sich erneut darauf nieder.<br> \u201eDas Recht \u2026 Gerechtigkeit ist eine fl\u00fcchtige Angelegenheit, insbesondere an einem Ort wie diesem\u201c, hob der kleine Doc an und klopfte mit seinem behandschuhten Zeigefinger auf die Tischplatte. \u201eWenn ich dich so ansehe, Jack, \u00fcberkommt mich das Gef\u00fchl, dass du eine Menge verbrannter Erde hinter dir zur\u00fcckgelassen hast.\u201c<br> \u201eGef\u00fchle haben hier nichts verloren\u201c, widersprach der Goldw\u00e4scher, in dem eine vage Panik aufstieg. \u201eSie k\u00f6nnen mich hier nicht festhalten!\u201c<br> Der Doc lachte kurz auf, es klang wie das Gackern eines Huhns. \u201eUnd ob ich das kann. Jeder hier handelt gem\u00e4\u00df meiner Befehle. Seit Jahren habe ich die B\u00fcrger von Diggers Creek auf diesen Augenblick vorbereitet.\u201c<br> \u201eAber weshalb? Was habe ich verbrochen, das ein solches Vorgehen rechtfertigen w\u00fcrde?\u201c Jack faltete das Papier zusammen und steckte es sich in den Hosenbund. Voll Wut, diesem ausgefuchsten Halunken v\u00f6llig ausgeliefert zu sein, klammerte er sich an die Gitterst\u00e4be.<br> \u201eDu, Jack Duncon, bist ein schlechter Mensch.\u201c<br> \u201eZur H\u00f6lle, sind wir einander irgendwann begegnet?\u201c, murmelte der Gefangene und seine Gedanken rasten auf der Suche nach einer Erinnerung, einem Ort, einem Gesicht, das eine m\u00f6gliche Erkl\u00e4rung liefern k\u00f6nnte. \u201eHabe ich Ihnen Unrecht getan? Dann lassen Sie uns dar\u00fcber sprechen! Ich bin gerne bereit, eine jegliche Schuld zu tilgen. Aber ich bitte Sie, sperren Sie diese verdammte T\u00fcr auf!\u201c<br> \u201eNein, du irrst dich, wir sind uns niemals begegnet\u201c, erwiderte der kleine Doc. \u201eAber ich traf vor vielen Jahren jemanden, dessen Leben du zerst\u00f6rt hast, Jack Duncon.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>Jack schloss die H\u00e4nde fester um das Gitter, wodurch seine Fingerkn\u00f6chel wei\u00df hervortraten. Angstschwei\u00df bildete sich auf seiner Stirn und rann ihm \u00fcber die Schl\u00e4fen. Ich werde hier niemals mehr rauskommen! Verdammt, das \u00fcberlebe ich nicht!<br> \u201eSo sagen Sie schon! Von wem sprechen Sie? Wem habe ich Unrecht getan?\u201c<br> Der Doc sch\u00fcttelte den Kopf und lachte heiser. \u201eDas Geheimnis zu l\u00fcften, w\u00fcrde die Sache zu einfach machen, meinst du nicht, Jack?\u201c<br> \u201eNein, ich denke, dass ich ein Recht habe, zu erfahren, was hier vor sich geht!\u201c<br> \u201eDie Liste\u201c, erinnerte ihn der Doc mit funkelnden Augen. \u201eNimm dir Zeit und sinne dar\u00fcber nach!\u201c<br> Der Sheriff beugte sich vor, st\u00fctzte sich auf der Tischplatte ab und zog sich mit einem \u00c4chzen in die H\u00f6he.<br> \u201eZum Teufel, ich will nicht nachdenken! Nehmen wir stattdessen die Abk\u00fcrzung indem Sie mir frei von der Leber erkl\u00e4ren, welche Strafe Sie f\u00fcr mich ersonnen haben!\u201c<br> Sein Gef\u00e4ngnisw\u00e4rter hielt in der Bewegung inne. Eine kurze Weile verstrich in intensiver \u00dcberlegung. \u00dcberrascht, dass der Sheriff so schnell einlenkte, runzelte Jack die Stirn, als dieser sagte: \u201eEs ist ein schlichter Handel, der dich deiner Freiheit n\u00e4herbringt.\u201c<br> Jack atmete tief ein. Das klingt schon viel besser! Wom\u00f6glich findet sich doch noch ein Nebelstreifen Hoffnung am Horizont. \u201eEin Handel? In Ordnung! Ich tue alles, aber halten Sie mich nicht l\u00e4nger in dieser Zelle fest!\u201c<br> \u201eNachdem du mir dein Wort gegeben hast, werde ich dich freilassen.\u201c<br> Jack blinzelte. Die stur anmutende Unnachgiebigkeit seines Gegen\u00fcbers erstaunte ihn. Dessen k\u00f6rperliche Verfassung erweckte nicht den Eindruck, den kleinsten Widerstand parieren zu k\u00f6nnen. Entgegen dieser Wirkung entpuppte er sich jetzt als z\u00e4her Hund, der sich an seinem Opfer festbiss und keine Anstalten machte, von ihm abzulassen.<br> \u201eHeraus mit der Sprache! Wie lauten die Bedingungen? Was erwarten Sie von mir?\u201c Angespannt biss Jack die Z\u00e4hne zusammen. Seine verfluchten Wangenmuskeln verkrampften, doch er vermochte nicht, sie zu lockern, hing an den Lippen seines Gegen\u00fcbers. Wobei er die ja nicht sehen konnte.<br> \u201eSoweit ich wei\u00df, bist du ein Goldsch\u00fcrfer, ein Abenteurer, wie er im Buche steht. Ist das korrekt?\u201c<br> \u201eJa, einer der besten, wie ich mit Bescheidenheit anmerken will.\u201c<br> Der Alte wirkte sekundenlang am\u00fcsiert, obwohl f\u00fcr Jack nach wie vor nur die Augen des Mannes auf seine Reaktion schlie\u00dfen lie\u00dfen.<br> \u201eAusgezeichnet! Dann stellt meine Forderung kein Problem f\u00fcr dich dar. Ich verlange 90 Pfund Gold.\u201c<br> \u201eWas?\u201c Jacks Augenbrauen schossen in die H\u00f6he, die Kiefermuskeln entspannten sich augenblicklich, was zufolge hatte, dass seine Kinnlade herabfiel. \u201eDas ist ein unfaires Angebot! Wenn der Fluss ergiebig ist, sch\u00fcrfe ich ungef\u00e4hr 30 Gramm am Tag!\u201c<br> Der Alte zuckte mit den Achseln. \u201eHierbei handelt es sich nicht um ein Angebot. Das Gold stellt die Voraussetzung f\u00fcr deine Freiheit dar.\u201c<br> \u201eAber das ist absurd! Sie stehlen mir mindestens zwei Monate harter Arbeit!\u201c, emp\u00f6rte sich Jack und Zorn riss an seinen Eingeweiden, wie die Wildpferde, die er mit dem Lasso einzufangen pflegte.<br> \u201eEin Monat, zwei Monate \u2026\u201c, der Alte zuckte gleichg\u00fcltig mit den Achseln. \u201eIn dem Moment, wo sich die Waagschale bei 90 Pounds einpendelt, bist du frei und kannst gehen, wohin du willst, und sch\u00fcrfen, so viel es dir beliebt. Du kennst den Ruf unserer Stadt. Unser Goldvorkommen ist gewaltig, obwohl wir erst vor Wochen begonnen haben, das Metall zu erschlie\u00dfen. Vielleicht gelingt es dir, 60 Gramm am Tag zu waschen. Wer wei\u00df das schon?\u201c<br> Jack l\u00f6ste sich von den St\u00e4ben, fuhr sich mit einer Hand durchs Haar. Der Alte hatte recht. Mit etwas Gl\u00fcck k\u00f6nnte er das hei\u00dfbegehrte Edelmetall wom\u00f6glich in der H\u00e4lfte der Zeit abbauen und diesem gierigen Geizhals \u00fcbergeben.<br> \u201eIn Ordnung. 90 Pfund pures Gold und danach bin ich frei.\u201c<br> Der kleine Doc nickte zustimmend. \u201eF\u00fcr die Zwischenzeit ben\u00f6tige ich dein Versprechen, dass du Diggers Creek nicht verl\u00e4sst, bis deine Schuld beglichen ist.\u201c<br> Eine akzeptable Forderung, der schnell nachgegeben werden konnte.<br> \u201eIch gebe Ihnen mein Wort, Doc. Ich werde Diggers Creek erst den R\u00fccken kehren, wenn wir quitt sind.\u201c<\/p>\n\n\n\n<p>\u201eAusgezeichnet.\u201c<br> Um dem Sheriff zu demonstrieren, wie ernst es ihm mit dem Eid war, streckte er die Hand zwischen den St\u00e4ben hindurch. Der Greis schlug ein und Jack meinte, jeden Knochen des zerbrechlichen Gegen\u00fcbers zu erf\u00fchlen. Nachdem sie ihren Handel per Handschlag besiegelt hatten, \u00f6ffnete der Doc die T\u00fcr des B\u00fcros und befahl Windmill Luke, den Gefangenen freizulassen. Erleichtert setzte sich dieser den Hut auf und tippte sich an die Schl\u00e4fe, als er sich am Hilfssheriff vorbei zw\u00e4ngte. Vor dem kleinen Doc blieb er stehen und beugte sich tiefer.<br> \u201eIch werde sofort beginnen\u201c, erl\u00e4uterte er und nickte dem Alten zu, bevor er sich abwandte und die Stra\u00dfe in Richtung Saloon entlang eilte.<br> \u201eEr ist ein verfluchter Bandit\u201c, brummte Tiny Sheep neben dem Doc. \u201eIch glaube, dass er Sie belogen hat und bei der n\u00e4chstbesten Gelegenheit t\u00fcrmt.\u201c<br> Turk Barns sch\u00fcttelte den Kopf. \u201eEr wird sein Ehrenwort halten, da gehe ich jede Wette ein. Genau aus diesem Grund vermeidet er es normalerweise, eines zu geben.\u201c<br> \u201eWoher wissen Sie das, Doc?\u201c<br> \u201eSagen wir so, ich traf vor vielen Jahren jemanden, der mit Jack Duncon bekannt ist. Jemanden, der genau wei\u00df, dass unser lieber Freund hier nur etwas verspricht, wenn er dazu gezwungen wird. Wie mir scheint, sind seine Eide alles, worauf man sich bei ihm verlassen kann.\u201c<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Diggers Creek, Kalifornien, im Jahre 1883 Die Schienen der neuen Eisenbahnlinie zerrissen die Pr\u00e4rie in zwei Teile. Genauso, wie Jack es mit meinem Herzen getan hat, bevor er auf sein Pferd gestiegen und davongeritten war. Die hei\u00dfe Glut der untergehenden Sonne f\u00e4rbte den trockenen Staub, der die gewundene Stra\u00dfe nach Diggers Creek \u00fcberzog, scharlachrot. Spirits &hellip; <\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":1885,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[84],"tags":[105,118],"class_list":["post-1884","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-leseprobe","tag-leseprobe","tag-showdown-der-liebe-in-diggers-creek","latest_post"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.junia-swan.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1884","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.junia-swan.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.junia-swan.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.junia-swan.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.junia-swan.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=1884"}],"version-history":[{"count":3,"href":"https:\/\/www.junia-swan.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1884\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":2041,"href":"https:\/\/www.junia-swan.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1884\/revisions\/2041"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.junia-swan.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/1885"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.junia-swan.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=1884"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.junia-swan.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=1884"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.junia-swan.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=1884"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}