{"id":1898,"date":"2025-01-31T19:20:07","date_gmt":"2025-01-31T19:20:07","guid":{"rendered":"https:\/\/www.junia-swan.at\/?p=1898"},"modified":"2025-01-31T19:20:10","modified_gmt":"2025-01-31T19:20:10","slug":"leseprobe-in-den-faengen-des-teufels","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.junia-swan.at\/?p=1898","title":{"rendered":"Leseprobe: In den F\u00e4ngen des Teufels"},"content":{"rendered":"\n<h2 class=\"wp-block-heading\"> Pr\u00e4ludium<\/h2>\n\n\n\n<p>Das Zusammenspiel seines gemessenen Schrittes, der die Stille auf dem Kopfsteinpflaster wie Gewehrsch\u00fcsse zerriss, mit den dunklen Schatten, die im Schutz der einbrechenden Nacht aus den Ecken krochen, lie\u00df die schmale Gasse unheimlich wirken. Er bewegte sich fast l\u00e4ssig, mit erhobenem Kopf, sich seiner selbst bewusst \u2013 und h\u00e4tte ihn jemand bemerkt, dann h\u00e4tte jener untr\u00fcglich erkannt, dass er einem Ziel zustrebte und ihn nichts jemals davon abbringen k\u00f6nnte. Alles an ihm strahlte Unerbittlichkeit aus. Ein Mann, der niemals z\u00f6gerte, stets ins Schwarze traf, ohne mit der Wimper zu zucken \u00fcber Leichen ging und dabei eine Ruhe ausstrahlte, als w\u00fcrde er in einem Buch lesend vor einem gem\u00fctlichen Kaminfeuer sitzen. Oder als st\u00fcnde er auf dem Gipfel eines Berges, das Tal zu seinen F\u00fc\u00dfen, mit sich und Gott im Reinen. Aber das war er ganz sicher nicht, denn womit er sein Geld verdiente, war in der Gesellschaft verp\u00f6nt. Daher wussten auch nur eine Handvoll Leute von seiner Profession, jene St\u00fctzen der Stadt, die Macht besa\u00dfen und die immer wieder gerne auf einen Mann wie ihn zur\u00fcckgriffen. Alle anderen kannten ihn als einen sehr zur\u00fcckgezogenen Menschen, einen Liebhaber klassischer Musik mit einer besonderen Verehrung f\u00fcr Mozart. Doch in Wirklichkeit konnte er diesen Komponisten nicht ausstehen. Es widerte ihn geradezu an, wie sich die Unbeschwertheit des Musikers in den meisten seiner Werke widerspiegelte. Er verabscheute Fr\u00f6hlichkeit, Ausgelassenheit und alle, die dem Dolce Vita fr\u00f6nten, ein Vergehen, dessen sich Mozart zweifellos t\u00e4glich schuldig gemacht hatte. Aber nun, knapp hundert Jahre nach Mozarts Tod begriff auch die Stadt Salzburg langsam, welch ein Goldjunge da innerhalb ihrer Mauern aufgewachsen war und man hob ihn, obwohl zu Lebzeiten oft l\u00e4cherlich gemacht, nun auf einen Sockel der Verehrung, um mit seiner Musik Geld zu verdienen. Aus jedem Konzertsaal und durch beinahe jede ge\u00f6ffnete T\u00fcr eines Proberaums erklangen seine Kompositionen, selbst die Stra\u00dfenjungen pfiffen die Melodie der \u201eKleinen Nachtmusik\u201c. W\u00e4re Nikolaus Ritter nicht so abgebr\u00fcht, m\u00fcsste er sich ohne Unterlass vor Qual winden.<br>\nNur wenige Minuten zuvor hatte er den wuchtigen Salzburger Dom passiert und sich eingebildet, Mozarts Totenrequiem vernommen zu haben. Das einzige St\u00fcck, welches er ohne Schauder ertragen konnte.<br>\nDoch hier in der dunklen Seitengasse war es still \u2013 keine Musik, welche die Hausw\u00e4nde br\u00f6ckeln lie\u00df und sich zum melodischen Vibrieren dieser Stadt gesellte. Pl\u00f6tzlich verhielt er seinen Schritt, zog den Hut tiefer in die Stirn, sodass sein Gesicht im Schatten lag, und der Rhythmus, der ihn auf seinem Weg begleitet hatte, verstummte. Pause. Verst\u00e4rkt vom schwachen Schein einer nicht weit entfernten Stra\u00dfenlampe. Dann ein dreimaliges Pochen mit dem T\u00fcrklopfer an das schwere Holz einer Eingangst\u00fcr. Bumm, bumm, bumm \u2013 und als h\u00e4tte er all dies geplant, das Schlagen der Kirchturmglocken: bim, bim, bim, bim, bim, bim, bim, bim, bim, bim. Nikolaus trat zur\u00fcck und wartete ab. Eins, zwei, drei, vier \u2026 Bei neun wurde die T\u00fcr ge\u00f6ffnet und er stand einem Diener gegen\u00fcber, der ihn mit hochgezogenen Brauen musterte, dem es jedoch nicht m\u00f6glich war, den sp\u00e4ten Besucher genau zu erkennen.<br>\n\u201eJa, mein Herr? Sie w\u00fcnschen?\u201c<br>\n\u201eDein Herr erwartet mich\u201c, erwiderte Nikolaus mit versteinerter Miene.<br>\n\u201eUnm\u00f6glich. Er erw\u00e4hnte nichts von einem Besuch. Im Gegenteil, er begab sich bereits zu Bett.\u201c<br>\nNoch bevor der Diener ihm die T\u00fcr vor der Nase zuschlagen konnte, trat Nikolaus einen Schritt vor und stellte seinen Fu\u00df zwischen T\u00fcr und T\u00fcrrahmen, was ihm einen irritierten Blick seitens des Bediensteten einbrachte.<br>\n\u201eRichte ihm aus, dass ich ihn sprechen m\u00f6chte. Er wird mich empfangen.\u201c<br>\nMit seinem durchdringenden Blick, dessen kaltes Glitzern sogar die Schatten der Nacht durchschnitt, spie\u00dfte der n\u00e4chtliche Besucher sein Gegen\u00fcber auf, das eingesch\u00fcchtert zur\u00fcckwich.<br>\n\u201eWen darf ich melden?\u201c, fragte der Diener nun nicht mehr so selbstsicher.<br>\n\u201eSag ihm, dass der Wolf hier ist.\u201c<br>\n\u201eDer Wolf?\u201c<\/p>\n\n\n\n<p> Da der Hausangestellte keine Best\u00e4tigung mehr erhielt, dass er den Besucher richtig verstanden hatte, wandte er sich um und eilte die Treppe hinauf.<\/p>\n\n\n\n<h2 class=\"wp-block-heading\"><br> In den F\u00e4ngen des Teufels<\/h2>\n\n\n\n<p><strong><em> Oper in 4 Akten<br> Libretto und Komposition: Juliane Ritter<\/em><\/strong><\/p>\n\n\n\n<h4 class=\"wp-block-heading\"><strong>1. Akt:<\/strong><\/h4>\n\n\n\n<p><em>In dem sich die Tochter des Kaufmanns opfert, den Teufel zu heiraten.<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em>B\u00fchnenbild: Das Haus des Kaufmanns, ein Schloss, Wald, Garten, Gassen, Julianes Schlafzimmer<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><strong><em>\u201eJuliane, was hast du getan?\u201c<\/em><\/strong><\/p>\n\n\n\n<p><em>Kaufmann: Wer klopfet an meine T\u00fcr? Wer ist\u2019s? Wer ist\u2019s, der meine Ruhe st\u00f6rt?<br> Diener (sprechend): Der Teufel, mein Herr, steht vor der T\u00fcr und begehrt Einlass!<br> Chor (in dunklen Gew\u00e4ndern vom Hintergrund der B\u00fchne aus): Er will deine Seele holen!<br> Diener: Er will deine Seele holen!<br> Kaufmann: Er will meine Seele holen!<br> Chor: Deine Seele! Deine Seele!<br> Kaufmann (l\u00e4sst sich auf einen Stuhl sinken, hebt eine Hand ans Herz): Gott steh mir bei in dieser schweren Stunde!<br> Chor (wispert): Der Teufel ist\u2019s. Er will deine Seele holen! Du bist verloren, verloren.<br> Kaufmann: Es gibt keine Rettung mehr f\u00fcr mich! Mein Ende naht!<br> (Die Glocken l\u00e4uten zw\u00f6lf Mal.)<\/em><\/p>\n\n\n\n<p>Der Kaufmann sa\u00df blass und im Morgenmantel hinter seinem Schreibtisch, als Nikolaus zu ihm gef\u00fchrt wurde. Nachdem der Besucher eingetreten war, konnte der Kaufmann das Zittern seiner H\u00e4nde nur schwer verbergen, weshalb er sie unter der Tischplatte versteckte und zusammenballte. Er erhob sich nicht, um seinen Gast zu begr\u00fc\u00dfen, sondern deutete mit dem Kinn auf einen Stuhl, der gegen\u00fcber von ihm bereitstand.<br>\n\u201eIch bleibe stehen\u201c, erkl\u00e4rte der dunkle Mann, ohne seine Augen von dem Kaufmann zu nehmen, w\u00e4hrend er seinen Hut abnahm und auf einen freien Stuhl legte. \u201eIch nehme an, Sie wissen, warum ich hier bin.\u201c<br>\nDer Kaufmann schluckte unbehaglich, dann r\u00e4usperte er sich.<br>\n\u201eEs besteht kein Anlass. Ich werde meine Schulden noch in dieser Woche begleichen.\u201c<br>\n\u201eDas sagten Sie bereits in der letzten Woche.\u201c<br>\nDer Kaufmann sank in sich zusammen.<br>\n\u201eUnd der vorletzten Woche.\u201c<br>\nEin unmerkliches Zucken seines linken Augenlids.<br>\n\u201eUnd im letzten Monat.\u201c<br>\nDie Kn\u00f6chel seiner H\u00e4nde traten wei\u00df hervor, so fest ballte der Kaufmann die F\u00e4uste. Nun lie\u00df sich der sp\u00e4te Besucher doch auf den Stuhl sinken und schlug entspannt ein Bein \u00fcber das andere.<br>\n\u201eMeine Geduld hat ihre Grenzen und diese sind mit dem heutigen Tag \u00fcberschritten\u201c, f\u00fcgte er noch hinzu, w\u00e4hrend er langsam eine Pistole aus der Tasche zog.<br>\nEntsetzt fixierte der Kaufmann die schwere Waffe, die Nikolaus nun beil\u00e4ufig auf seinem rechten Oberschenkel ruhen lie\u00df.<br>\n\u201eH\u00f6rt, Graf, ich wei\u00df, dass ich in Eurer Schuld stehe und ich bitte ein letztes Mal um Gnade. Ich werde Euch alles zur\u00fcckzahlen und noch mehr, doch gew\u00e4hrt mir eine letzte Frist!\u201c<br>\n\u201eIch sagte, meine Geduld ist endlich. Das Einzige, was es hier zu verhandeln gibt, ist das Wie und nicht das Ob.\u201c<br>\n\u201eAber Ihr besitzt doch bereits alles, was ich einst mein Eigen nannte! Es gibt nichts mehr, was ich Euch noch geben k\u00f6nnte!\u201c<br>\n\u201eNun, dann bleibt nur noch Ihr Leben\u201c, stellte Nikolaus unger\u00fchrt fest und erhob sich, w\u00e4hrend er die Waffe auf den Mann richtete.<br>\nDer Kaufmann schloss m\u00fcde die Augen, sein Puls raste und lie\u00df seine Halsschlagader pochen.<br>\n\u201eDann soll es so sein. Doch ich habe eine letzte Bitte. Gew\u00e4hrt mir einen Aufschub von vier Wochen, um meine j\u00fcngste Tochter zu verm\u00e4hlen. Ich m\u00f6chte auch sie versorgt wissen.\u201c<br>\n\u00dcberrascht schossen Nikolaus\u2019 Augenbrauen in die H\u00f6he.<br>\n\u201eSie haben noch eine Tochter?\u201c<br>\n\u201eNeun an der Zahl. Bis auf Juliane konnte ich alle gut unterbringen.\u201c<br>\n\u201eNun \u2026, Mann \u2026, ich meine, Sie sind eigentlich schon bestraft worden, dass es f\u00fcr drei Leben genug w\u00e4re. Neun T\u00f6chter!\u201c<br>\nNikolaus sch\u00fcttelte leicht den Kopf. \u201eTrotzdem bestehe ich auf der Begleichung Ihrer Schuld. Gibt es bereits einen m\u00f6glichen Ehegemahl?\u201c<br>\n\u201eEs ist noch nichts arrangiert, doch mir schwebt tats\u00e4chlich ein junger Mann aus gutem Hause vor.\u201c<br>\n\u201eDas klingt \u00fcberaus schwammig. Ich denke, wir bringen es jetzt hinter uns.\u201c<br>\nNikolaus hob erneut die Waffe und zielte auf den Kopf seines Gegen\u00fcbers.<\/p>\n\n\n\n<p> \u201eHalt!\u201c, rief pl\u00f6tzlich eine helle Stimme und w\u00e4re Nikolaus nicht \u00fcberaus erfahren im Umgang mit Waffen, h\u00e4tte er wohl vor Schreck abgedr\u00fcckt.<br> Doch so drehte er sich nur ein wenig und richtete die Waffe auf ein neues Ziel, das sich in Form einer jungen Frau vor ihm aufbaute. Der Vorhang hinter ihr bewegte sich noch ein wenig und offenbarte, woher sie so pl\u00f6tzlich gekommen war. Wieder lie\u00df Nikolaus die Waffe sinken und musterte die ungew\u00f6hnliche Erscheinung, die erschreckend bunt angezogen war und auf ihn den Eindruck eines Kanarienvogels machte. Vielleicht spielte sie ja einen solchen auf der B\u00fchne in <em>Die Zauberfl\u00f6te.<\/em><br> \u201eJuliane!\u201c, keuchte der Kaufmann erschrocken. \u201eWas hast du hier zu suchen?\u201c<br> \u201eIch suchte Noten, Vater\u201c, erkl\u00e4rte sie, w\u00e4hrend sie sich ihrem Vater zuwandte und die Arme vor der Brust verschr\u00e4nkte. \u201eGenaugenommen die Partitur der Zauberfl\u00f6te. Ich bin mir sicher, dass Sie diese wieder \u201aaufger\u00e4umt\u2018 haben. Nur leider mangelt es mir, wie so oft, an der n\u00f6tigen Geisteskraft, um nachvollziehen zu k\u00f6nnen, wo genau dieser neue Platz sein soll. Deswegen habe ich in diesem Raum mit der Suche begonnen.\u201c<br> Ohne eine Miene zu verziehen, setzte sich Nikolaus wieder auf den Stuhl, wobei er, wie zuvor, die Waffe auf dem Schenkel ruhen lie\u00df. In diesem Moment war ihm vollkommen klar, dass der Kaufmann niemals einen Gemahl f\u00fcr dieses aufgeplusterte Weibchen finden w\u00fcrde. Dieser Fakt besiegelte also den soeben zu Ende gehenden Tag als Todestag des Kaufmanns. Juliane drehte sich nun zu Nikolaus und musterte ihn mit zusammengezogenen Augenbrauen.<br> \u201eIch kam nicht umhin, das Gespr\u00e4ch zu belauschen, welches Sie mit meinem Vater f\u00fchrten. An dieser Stelle m\u00f6chte ich Ihnen mitteilen, dass es von einer sehr schlechten Erziehung zeugt, wenn man Scherze \u00fcber den Tod macht. Nicht mal im Spa\u00df darf man das Leben eines anderen Menschen bedrohen!\u201c<br> Der Kaufmann keuchte entsetzt auf, w\u00e4hrend Nikolaus eine Augenbraue l\u00fcpfte und Juliane schweigend betrachtete. Niemals w\u00fcrde irgendjemand dieses \u2026 aufgescheuchte Huhn heiraten! Vielleicht sollte er sie ebenfalls erschie\u00dfen, dann h\u00e4tte er beide von einem offensichtlich unn\u00fctzen Dasein erl\u00f6st. Das Funkeln in seinen Augen schien die Kaufmannstochter stutzig zu machen, denn sie erblasste. Fassungslos drehte sich Juliane zu ihrem Vater, der sie mit weit aufgerissenen Augen anstarrte.<br> \u201eEs ist kein Scherz? Dieser Mann meint es ernst?\u201c<br> Da der Kaufmann zweifellos unf\u00e4hig war, in irgendeiner Form zu reagieren, lie\u00df sich Nikolaus arrogant dazu herab, an seiner Stelle zu antworten: \u201eDieser Mann meint es tats\u00e4chlich ernst\u201c, \u00e4ffte er die junge Frau nach, die entsetzt einen Schritt zur\u00fcckstolperte.<br> \u201eSie wollen meinen Vater ermorden?\u201c<br> \u201eIch w\u00fcrde es eher die Begleichung einer Schuld nennen. Da er nichts mehr zu geben hat, als sein Leben, werde ich eben dieses nehmen.\u201c<br> \u201eWelch ein ausgesprochener Schwachsinn!\u201c, entfuhr es ihr. \u201eWas sollte Ihnen das bringen? Wenn er tot ist, kann er erst recht nicht bezahlen!\u201c<br> \u201eWenn er tot ist, hat er zumindest mit dem wertvollsten Gut bezahlt, das er besitzt: mit seinem Leben. Das gen\u00fcgt mir.\u201c<br> Juliane wich abermals einen Schritt zur\u00fcck, w\u00e4hrend sich Tr\u00e4nen in ihren Augen bildeten.<br> \u201eAber das k\u00f6nnen Sie nicht machen! Das ist Unrecht!\u201c<br> Nikolaus zuckte gleichg\u00fcltig mit den Schultern und richtete seine Aufmerksamkeit wieder auf den Kaufmann. Mit einer auffordernden Kopfbewegung deutete er auf die junge Frau.<br> \u201eKind, du musst jetzt gehen\u201c, bat der Mann und das faltige Fleisch an seinem Hals zitterte.<br> \u201eNein!\u201c, stie\u00df Juliane verzweifelt hervor und stellte sich in die Schusslinie. \u201eEs muss eine andere L\u00f6sung geben!\u201c<br> \u201eWie es aussieht, gibt es diese nicht\u201c, erkl\u00e4rte Nikolaus nun ein wenig ungeduldig.<br> Langsam begann ihm dieses Intermezzo auf die Nerven zu gehen.<br> \u201eIch werde einen Mann finden, der die Schuld meines Vaters begleichen wird!\u201c<br> Nun blickte Nikolaus sie forschend an. Geradezu unh\u00f6flich lie\u00df er seine Augen \u00fcber ihren K\u00f6rper wandern, als taxiere er eine Ware auf einem Markt. Seine Musterung war ihr unangenehm und sie begann unwillk\u00fcrlich zu zittern. Schlie\u00dflich sah er ihr direkt in die Augen und sch\u00fcttelte leicht den Kopf.<br> \u201eEs tut mir leid, doch ich denke, du wirst niemanden finden, der das f\u00fcr dich tun w\u00fcrde. G\u00e4be es einen solchen Helden, dann w\u00e4rst du l\u00e4ngst verheiratet.\u201c<br> Seine Worte trafen Juliane mit voller Wucht, da sie ihre schlimmsten Bef\u00fcrchtungen best\u00e4tigten: Irgendetwas schien M\u00e4nner von ihr abzusto\u00dfen. Sogar dieser Fremde hatte das innerhalb weniger Minuten erkannt! Um Haltung zu bewahren, blinzelte sie.<br> \u201eDann bleibt nur noch eines zu tun: Ich tausche mein Leben gegen das meines Vaters!\u201c<br> Nikolaus lachte sp\u00f6ttisch und ablehnend auf, w\u00e4hrend ihr Vater gleichzeitig aufsprang, woraufhin der wuchtige Stuhl bedrohlich zu schwanken begann.<br> \u201eDas wirst du nicht tun, Juliane! Ich befehle dir, dieses Zimmer augenblicklich zu verlassen!\u201c<br> Doch sie ignorierte ihn und erwiderte Nikolaus\u2019 Blick reglos.<br> \u201eAlso, was ist? Nehmen Sie mich zu Ihrer Frau und verschonen Sie meinen Vater!\u201c<br> Nikolaus hatte schon viel erlebt, doch dies \u00fcbertraf alles. Wie konnte dieses verr\u00fcckte M\u00e4dchen denken, dass er Interesse daran hatte, sie mit sich und zur Frau zu nehmen?<br> \u201eNein, Juliane!\u201c, zischte der Kaufmann zornig, dem die Angst um seine Tochter neue Kraft eingehaucht hatte. \u201eLieber sterbe ich, als dich mit diesem \u2026 Abschaum verm\u00e4hlt zu sehen! Verlasse auf der Stelle den Raum und fliehe vor diesem Mann! Er ist der Tod und ich m\u00f6chte dich niemals in seinen F\u00e4ngen wissen!\u201c<br> Er packte seine Tochter an den Schultern und schob sie zur T\u00fcr, doch Juliane lehnte sich gegen ihn und versuchte, sich ihm zu widersetzen.<br> \u201eSchlimmer als der Tod!\u201c, murmelte Nikolaus, und ein teuflisches Grinsen spielte um seinen Mund, w\u00e4hrend er sich langsam erhob und sich ihnen in den Weg stellte. \u201eAbgemacht. Ich werde dich mit mir nehmen und \u00fcberpr\u00fcfen, ob du noch jungfr\u00e4ulich bist. Sollte dies der Fall sein, nehme ich dich zu meiner Frau.\u201c<br> Er richtete seine Worte direkt an Juliane, die ihn gleicherma\u00dfen ersch\u00fcttert und beleidigt anblickte. Wie konnte er ihr nur unterstellen, dass sie bereits bei einem Mann gelegen war?<br> \u201eDas ist eine Falle!\u201c, stie\u00df der Kaufmann hervor. \u201eDarauf wirst du dich nicht einlassen! Dieser Verbrecher wird dir die Unschuld rauben und dich danach auf die Stra\u00dfe werfen!\u201c<br> Verzweifelt schob er seine Tochter beiseite.<br> \u201eNun los, t\u00f6tet mich! Wir beide haben einen Vertrag, der meine Tochter nicht betrifft!\u201c<br> \u201ePacke deine Sachen, M\u00e4dchen\u201c, sagte Nikolaus, ohne auf den Kaufmann einzugehen, dessen Gesicht vor Zorn rot anschwoll, \u201edu hast zehn Minuten!\u201c<br> \u201eIch verbiete dir zu gehen!\u201c, schrie der Kaufmann und wollte seine Tochter am Arm packen, doch diese wich ihm geschickt aus und floh aus dem Raum.<br> Langsam steckte Nikolaus seine Pistole zur\u00fcck in den Hosenbund und verschr\u00e4nkte die Arme vor seiner Brust, w\u00e4hrend er den alten Mann h\u00f6hnisch musterte.<br> \u201eEs tut mir leid, dass ich nicht sofort erkannt habe, dass das h\u00f6chste Gut eines Mannes das Wohl seiner Tochter ist. Sie haben mir die Augen ge\u00f6ffnet. Vielen Dank daf\u00fcr. Mit dem Leben Ihrer Tochter haben Sie sich nun also freigekauft. Vorausgesetzt, sie versp\u00e4tet sich nicht.\u201c<br> Abwartend blickte er auf die gro\u00dfe Standuhr.<br> \u201eBitte, behandelt mein Kind gut!\u201c, versuchte es der Kaufmann nun unter Flehen.<br> \u201eSie haben es selbst erkannt, mein Herr, ich bin Abschaum. F\u00fcr mich besteht keine Veranlassung, in irgendeiner Form nett zu Ihrer Tochter zu sein. Rechnen Sie also mit dem Schlimmsten!\u201c<br> Der \u00e4ltere Mann keuchte auf und lie\u00df sich entkr\u00e4ftet auf einen Stuhl sinken, w\u00e4hrend er das Gesicht hinter seinen H\u00e4nden vergrub. Seine Schultern begannen zu beben und Nikolaus konnte abgehackte Laute vernehmen. Ein weinender Mann \u2013 nichts war ihm peinlicher.<br> Es waren nicht einmal acht Minuten vergangen, bis Juliane zur\u00fcckkehrte. Als sie ihren Vater weinen sah, stellte sie die Tasche ab, die sie in den H\u00e4nden trug, eilte zu ihm hin und ging in die Hocke, dabei umschloss sie z\u00e4rtlich seine Handgelenke.<br> \u201eNicht weinen, Vater, es wird alles gut! Bek\u00fcmmern Sie sich nicht! Ich werde Ihnen schreiben!\u201c<br> Er hob den Kopf und strich seiner Tochter m\u00fcde \u00fcber die Wange.<br> \u201eAber eines m\u00fcssen Sie mir noch verraten, bevor ich gehe: Wo ist die Partitur der Zauberfl\u00f6te?\u201c<br> Der alte Mann blickte sie ungl\u00e4ubig an und sch\u00fcttelte langsam den Kopf.<br> \u201eDas ist gleichg\u00fcltig\u201c, vernahm sie pl\u00f6tzlich eine Stimme hinter sich. \u201eDie wirst du dort, wo du nun hingehst, sicherlich nicht brauchen.\u201c<br> Langsam richtete sich Juliane auf und sah den fremden Mann an, der sie mit seiner K\u00e4lte nun doch einzusch\u00fcchtern begann.<br> \u201eWie bitte?\u201c<br> \u201eIn meinem Haus gibt es keine Musik\u201c, erkl\u00e4rte er emotionslos, \u201ekeine Partituren und auf gar keinen Fall einen Hauch von Mozart. Es ist sehr still bei mir.\u201c<br> Ungl\u00e4ubig und mit weit aufgerissenen Augen starrte ihn die Kaufmannstochter an, sah, wie er sich umwandte, nach seinem Hut und ihrer Tasche griff und den Raum verlie\u00df, ohne noch einmal zur\u00fcckzublicken. Juliane schluckte, straffte die Schultern, k\u00fcsste ihren Vater auf die Stirn und eilte ihm schnell hinterher.<\/p>\n\n\n\n<p><em>Kaufmann: Juliane, mein Kind, was hast du getan?<br> Du lieferst dich aus diesem Scharlatan.<br> Dem finsteren Mann mit dem dunklen Herz.<br> Mein Kind, mein Kind, ach, welch ein Schmerz!<br> Chor: Nun geht sie dahin mit dem Teufel selbst.<br> Nun geht sie dahin und ihm bricht\u2019s das Herz.<br> Was soll nur werden \u2013 er ist ein verzweifelter Mann?<br> Kaufmann (dr\u00fcckt sich eine Hand auf die Brust): Juliane, mein Kind, was hast du getan?<br> Ich h\u00e4tt\u2019 den Tod als Ausweg gew\u00e4hlt, anstatt dich zu binden an diesen Mann.<br> Doch du hast dein Leben verwirkt und ihm deine Hand gereicht.<br> Chor: Juliane! Juliane! Sie nahm des Teufels Hand und rettete dadurch sein Leben!<br> Doch was soll nun werden, denn er ist ein gebrochener Mann?<br> Kaufmann: Ich bin ein gebrochener Mann! Juliane, mein Kind, was hast du getan?<\/em><\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-embed-amazon-kindle wp-block-embed is-type-rich is-provider-amazon\"><div class=\"wp-block-embed__wrapper\">\n<iframe loading=\"lazy\" title=\"In den F\u00e4ngen des Teufels\" type=\"text\/html\" width=\"790\" height=\"550\" frameborder=\"0\" allowfullscreen style=\"max-width:100%\" src=\"https:\/\/lesen.amazon.de\/kp\/card?preview=inline&#038;linkCode=kpd&#038;ref_=k4w_oembed_KmGb4jFAucjMOI&#038;asin=B07J6B1TXD&#038;tag=kpembed-20\"><\/iframe>\n<\/div><\/figure>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Pr\u00e4ludium Das Zusammenspiel seines gemessenen Schrittes, der die Stille auf dem Kopfsteinpflaster wie Gewehrsch\u00fcsse zerriss, mit den dunklen Schatten, die im Schutz der einbrechenden Nacht aus den Ecken krochen, lie\u00df die schmale Gasse unheimlich wirken. Er bewegte sich fast l\u00e4ssig, mit erhobenem Kopf, sich seiner selbst bewusst \u2013 und h\u00e4tte ihn jemand bemerkt, dann h\u00e4tte &hellip; <\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":1899,"comment_status":"open","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"footnotes":""},"categories":[84],"tags":[105],"class_list":["post-1898","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-leseprobe","tag-leseprobe","latest_post"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.junia-swan.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1898","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.junia-swan.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.junia-swan.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.junia-swan.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.junia-swan.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=1898"}],"version-history":[{"count":1,"href":"https:\/\/www.junia-swan.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1898\/revisions"}],"predecessor-version":[{"id":1900,"href":"https:\/\/www.junia-swan.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1898\/revisions\/1900"}],"wp:featuredmedia":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.junia-swan.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/media\/1899"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.junia-swan.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=1898"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.junia-swan.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=1898"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.junia-swan.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=1898"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}