{"id":1901,"date":"2025-01-31T20:04:48","date_gmt":"2025-01-31T20:04:48","guid":{"rendered":"https:\/\/www.junia-swan.at\/?p=1901"},"modified":"2025-01-31T20:04:50","modified_gmt":"2025-01-31T20:04:50","slug":"leseprobe-dante-und-der-ruf-der-nachtigall","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.junia-swan.at\/?p=1901","title":{"rendered":"Leseprobe: Dante und der Ruf der Nachtigall"},"content":{"rendered":"\n<h2 class=\"wp-block-heading\">Erstes Kapitel<\/h2>\n\n\n\n<p><em>In dem ich versteigert werde und mit einem fremden Mann in eine Kutsche steige<\/em><\/p>\n\n\n\n<p><em><strong>Im<\/strong><\/em><strong><em> Jahre 1789<\/em><\/strong><\/p>\n\n\n\n<p>Ich sp\u00fcre den Blick meiner Tante. Sie taxiert mit ihren Augen jeden Zoll meines K\u00f6rpers, so, als w\u00e4re ich nackt und tr\u00fcge nicht jenes festliche Kleid, mit dem man mich allabendlich herausputzt. Der schwache Luftzug, den sie verursacht, als sie den B\u00fchnenvorhang wieder zur\u00fcckgleiten l\u00e4sst, streift meine Wange und der Hauch schweren Parfums kitzelt sekundenlang meine Nase.<br> \u201eDer Saal ist bis auf den letzten Platz besetzt\u201c, fl\u00fcstert mir Tante Clara auf dem Weg zur Mitte der B\u00fchne ins Ohr, wo sie mich wie einen Gegenstand abstellt. \u201eDu wirst uns heute Gl\u00fcck bringen.\u201c Angespannt lausche ich ihren Bewegungen, als sie sich eilig in den Hintergrund zur\u00fcckzieht.<br> Kaum sind ihre Schritte verhallt, wird der schwere Vorhang, diesmal mit Schwung, aufgerissen und wirbelt die Luft erneut auf. Das leise Knarzen der Seile beschreibt mir seinen Weg. Doch mich lenken hunderte Augenpaare, die sich augenblicklich auf mich heften, davon ab, seine stille Reise zu verfolgen. Ich muss das Publikum nicht sehen, um zu sp\u00fcren, wie mich hunderte Blicke, gierigen H\u00e4nden gleich, abtasten und mein Kleid sinnbildlich in Fetzen rei\u00dfen. Ich k\u00e4mpfe gegen den Drang an, die Arme um mich zu schlingen, um mich vor ihnen zu verstecken. Ja, ich habe gelernt, alles zu ertragen und gleichzeitig mein Bestes zu geben. Dennoch richten sich die winzigen H\u00e4rchen auf meinen Unterarmen auf und G\u00e4nsehaut \u00fcberl\u00e4uft meinen K\u00f6rper, l\u00e4sst mich schaudern. Jemand auf einer Galerie hustet, das von Opernbesuchern stets verursachte Rascheln schwillt sekundenlang an. Es ist das allabendliche Vorspiel f\u00fcr die atemlose Stille, die danach folgt. Sie dauert zumeist zwei Takte, dann senkt der Dirigent den Taktstock und das Orchester beginnt zu spielen. Gefangen im Augenblick, stehe ich jetzt wie erstarrt. Im mich umgebenden Schweigen h\u00e4mmert mein rasender Puls umso lauter, pocht schmerzhaft gegen meine Schl\u00e4fen. Aber ich lasse mir wie stets nicht anmerken, wie nachhaltig mich die Wollust der hier versammelten Menschen einsch\u00fcchtert. Letzten Endes kann ich nicht sicher sein, ob die auf mich einwirkenden Schwingungen nicht nur Einbildung sind. Es w\u00e4re m\u00f6glich, denn ich bin blind. Mir fehlt der \u00fcberaus wichtige Sehsinn, um alle auf mich einprasselnden Eindr\u00fccke korrekt deuten zu k\u00f6nnen. Wie ich ihn vermisse! T\u00e4glich, st\u00fcndlich, jeden Augenblick. Doch es ist m\u00fc\u00dfig, dar\u00fcber zu trauern. Vielmehr muss ich mich auf das Publikum konzentrieren, das eine Stange Geld daf\u00fcr bezahlt hat, um mich heute singen zu h\u00f6ren. Seit dem Einsetzen meiner Erinnerungen f\u00fchrt man mich vor, fast jeden Abend. Die Glieder dieser schier endlos langen, aus Konzerten bestehenden Kette reihen sich nahtlos aneinander. Ich kenne nichts anderes. Meinte Tante betont, es sei mir vorherbestimmt, zu singen. Mehr w\u00fcrde man von mir nicht erwarten und ich sicherte mir dadurch ein gutes Leben. Ein weit besseres, als die meisten anderen Menschen unserer Schicht.<br> Als kleines M\u00e4dchen f\u00fchlte ich die harte, raue Mauer einer Stra\u00dfenecke an meinem R\u00fccken und roch ihren feuchten Stein, wann immer ich Atem sch\u00f6pfte. Ich vernahm vorbeieilende Schritte und sp\u00fcrte, wenn jemand stehen blieb, um mir zu lauschen. Die Hitze der mich umringenden K\u00f6rper kroch mir unter die Haut und trieb mich an, mein Bestes zu geben. Nur so konnte ich sie zufriedenstellen, ihrem Tadel entkommen. Als ich \u00e4lter wurde, stiegen Tante Clara und Onkel Stefano mit mir in billigen Absteigen ab, in denen es unertr\u00e4glich nach Schwei\u00df und Alkohol stank. Die dort vorherrschende stickige Luft erschwerte mir das Atmen und steigerte meine \u00c4ngste. Mein Orchester dieser furchterregenden N\u00e4chte bestand aus dem losen Klanggemisch, das sich aus dem Klirren schwerer Bierkr\u00fcge, R\u00fclpsen und zotigen Zurufen zusammensetzte. Wie ich es hasste, vor diesen rohen Menschen zur Schau gestellt, ja, ihren Augen schutzlos preisgegeben zu werden! Doch ich schwieg, beschwerte mich nicht dar\u00fcber. Niemandem erz\u00e4hlte ich, dass ich f\u00fchlen und erahnen konnte, was um mich geschah. Mein fehlendes Augenlicht scheint sie annehmen zu lassen, ich w\u00e4re f\u00fcr s\u00e4mtliche Ereignisse blind. Sie wissen nichts von den tausenden Hinweisen, die meine Umwelt ausstrahlt und die mir bruchst\u00fcckhaft etwas von jenem Leben vermitteln, von dem ich auf grausame Weise abgeschnitten bin.<br> All das geht mir blitzschnell durch den Kopf, w\u00e4hrend ich allein in der Mitte der B\u00fchne stehe und auf meinen Einsatz warte.<br> Die ersten T\u00f6ne des Cembalos erklingen. Nervosit\u00e4t durchzuckt mich. Gleich ist es so weit! Angespannt konzentriere ich mich auf die innere Quelle, der meine Stimme entspringt. Ich vermag sie weder n\u00e4her zu beschreiben noch zu lokalisieren, dennoch ist sie da und sprudelt wie ein nie versiegender Fluss, benetzt meine Kehle. Gemeinsam mit der unter Opfern erlernten Singtechnik erm\u00f6glicht sie meiner Stimme, die Menschen in den Bann zu ziehen. Wer ahnt schon, wie viele Stunden \u00dcbung es ben\u00f6tigt, damit mein K\u00f6rper der vollendete Resonanzk\u00f6rper f\u00fcr sie wird? Wie lange wird es noch dauern, bis sie sich durch mich hindurch zu ihrer gesamten Sch\u00f6nheit entfalten kann, so dass sie frei und ungehindert hinausstr\u00f6mt, alle Widrigkeiten \u00fcberwindend? Als w\u00e4re sie eine Gefangene auf dem Weg in die Freiheit, st\u00fcrzt sie auch jetzt, von einer Melodie getragen, in den Raum. Wie immer verzaubert sie meine Zuh\u00f6rer. Doch auch mich tr\u00e4gt die Melodie, befreit meinen Geist, l\u00e4sst ihn ungebunden durch Raum und Zeit schweben. Vielleicht k\u00f6nnte man meine Empfindung auf diese Weise umschreiben: Ich bringe mich der Musik als Opfergabe dar, indem ich mich einfach aufl\u00f6se.<br> Der Applaus schwillt an und ich sinke mechanisch in einen tiefen Knicks, dabei schwanke ich ein kleines bisschen. Hoffentlich entgeht dem Publikum, wie m\u00fcde ich bin. Normalerweise erwachen bei dem frenetischen Klatschen und Fu\u00dftrommeln s\u00e4mtliche Lebensgeister in mir. Aber an diesem Abend gelingt es dem Jubel \u00fcberraschenderweise nicht, die Ersch\u00f6pfung aus meinen Gliedern zu verscheuchen. Kurz \u00fcberf\u00e4llt mich Angst. Was werden Tante und Onkel sagen, sollten meine Kr\u00e4fte nachlassen?<br> Jetzt bleibt mir jedenfalls keine Zeit, um l\u00e4nger dar\u00fcber nachzudenken, und ich l\u00e4chle genauso, wie man es mir beigebracht hat. Gleichzeitig harre ich jenes Augenblicks, in dem der Vorhang f\u00e4llt. Normalerweise erwartet mich meine Tante hinter den Kulissen, um mich, lange bevor die schweren Stoffbahnen zu schwingen aufgeh\u00f6rt haben, in die Garderobe zu f\u00fchren. Doch heute geschieht nichts dergleichen und ich spitze meine Ohren auf der Suche nach ihren Schritten. Um mir das aufsteigende Unbehagen nicht anmerken zu lassen, knickse ich ein weiteres Mal. Wo versteckt sich Tante Clara? Warum f\u00e4llt der Vorhang nicht und weshalb bleibt das Publikum sitzen, als w\u00e4re die Vorstellung nicht l\u00e4ngst zu Ende? Angespannt versuche ich, trotz des unver\u00e4ndert donnernden Applauses, zu erlauschen, was auf der B\u00fchne, direkt um mich herum, geschieht. Endlich sp\u00fcre ich die Vibration von Schritten und erkenne den Gang meines Onkels. Was hat das nur zu bedeuten? Warum kommt er und nicht meine Tante? Normalerweise tritt er nie ins Zentrum des Geschehens und h\u00e4lt sich im Hintergrund auf, wo er darauf achtet, dass alles wie am Schn\u00fcrchen l\u00e4uft. Umso mehr wundere ich mich \u00fcber die Nachl\u00e4ssigkeit der B\u00fchnenarbeiter, die den Vorhang v\u00f6llig vergessen zu haben scheinen, und die unterlassene Beschwerde meines Onkels, kurz bevor er notgedrungen selbst Hand anlegt.<br> Das Klatschen verebbt und l\u00f6st sich in einer undefinierbaren Spannung auf. Unheilvoll senkt sie sich auf mich und verst\u00e4rkt mein Unwohlsein. Eine dunkle Vorahnung rumort in meinem Magen und wie so oft w\u00fcnsche ich mir, sehen zu k\u00f6nnen, was gerade passiert! Habe ich einen Fehler begangen? Augenblicklich wird mir siedend hei\u00df und Furcht sch\u00fcttelt mich. Himmel, habe ich einen Einsatz verpasst? Mit zunehmendem Entsetzen versuche ich, mir jedes Detail der Vorstellung in Erinnerung zu rufen. Doch die ist, wie immer, an mir spurlos vorbeigezogen. Das habe ich nun davon! Weshalb schwirren auch meine Gedanken herum, anstatt an Ort und Stelle zu bleiben? Ja, um Himmels willen, ich muss einen schweren Fehler begangen haben! Gleich werde ich mit faulen Eiern und Unrat beworfen. Ich w\u00e4re nicht die Erste, der das passiert. Innerlich wappne ich mich und presse die Arme an meine Seiten, senke den Kopf, um mein Gesicht zu sch\u00fctzen. Warte. Balle hinter meinem R\u00fccken die F\u00e4uste, spanne mich an, bereit, jederzeit zu fliehen. Eiskalt \u00fcberkommt mich die Erkenntnis, dass es keinen Ort gibt, der mir als Unterschlupf dienen k\u00f6nnte, denn ich verm\u00f6chte ihn gar nicht zu finden. Nichts w\u00fcrde mir Schutz bieten, weder die kleinste noch die gr\u00f6\u00dfte Nische. Meine Verwirrung steigert sich, als mich kein Wurfgescho\u00df trifft. Die Spannung w\u00e4chst.<br> Endlich, meines Erachtens viel zu sp\u00e4t, tritt mein Onkel hinter mich und umspannt mit seinen H\u00e4nden meine Schultern. Obwohl sein Griff hart ist, atme ich erleichtert auf. Wenigstens stehe ich jetzt nicht mehr mutterseelenallein im Zentrum der Aufmerksamkeit. Da dr\u00fccken seine Finger fester zu, so fest, bis es schmerzt, und sie erzeugen in mir das vage Gef\u00fchl, er wolle meine Flucht verhindern. Doch wie sollte es mir m\u00f6glich sein zu fliehen? Und wovor? Er wei\u00df um meine Hilflosigkeit und obwohl ich in der Vergangenheit mehrfach liebend gerne davongelaufen w\u00e4re, habe ich es aus offensichtlichen Gr\u00fcnden nie versucht. Auch jetzt w\u00e4re es ein Ding der Unm\u00f6glichkeit; denn nach nicht einmal f\u00fcnf Schritten w\u00fcrde ich gegen eine Wand prallen oder gar in den Orchestergraben st\u00fcrzen. Sollte dies aufgrund eines Wunders nicht passieren, standen die Chancen gut, mich in einem der Seile, die hinter der B\u00fchne gespannt sind und die Kulissen tragen, zu verheddern. Es ist demnach v\u00f6llig unn\u00f6tig, mich auf diese Weise zu umklammern. Dort, wo die Handfl\u00e4chen meines Onkels mich ber\u00fchren, bildet sich N\u00e4sse. Ich schlucke den Ekel hinunter. Erschrocken zucke ich zusammen, als Onkel Stefano zu sprechen beginnt: \u201eMeine hochverehrten Herren, gesch\u00e4tztes Publikum. Wie Ihr wisst, ist dieser Abend l\u00e4ngst nicht zu Ende und der H\u00f6hepunkt steht kurz bevor.\u201c Seine Stimme vibriert vor Aufregung. Tats\u00e4chlich klingt er einen Halbton h\u00f6her als sonst. Indessen bleibt mir keine Zeit, mich weiter dar\u00fcber zu wundern, denn mir schie\u00dfen unz\u00e4hlige Fragen wild durch den Kopf: Weshalb ist das Konzert jetzt nicht vorbei? Was habe ich damit zu tun und aus welchem Grund stehe ich nach wie vor hier, den Blicken aller ausgesetzt? Warum hat man mich nicht \u00fcber diese Plan\u00e4nderung informiert, mich nicht darauf vorbereitet? Was k\u00f6nnte \u2026 Vereinzeltes Lachen weht aus dem Zuschauerraum zu mir. Eine winzige darin enthaltene Nuance verursacht kalte Schauer, die meine Wirbels\u00e4ule entlangrieseln.<br> \u201eIch hoffe, Ihr habt die letzten Tage dazu genutzt, zu \u00fcberschlagen, welchen h\u00fcbschen Betrag Euch unsere sch\u00f6ne, liebreizende Dana f\u00fcr eine Nacht wert ist. F\u00fcr ihr erstes, jungfr\u00e4uliches Beisammensein mit einem Mann, wohlgemerkt. Seid Ihr bereit, daf\u00fcr ein ordentliches S\u00fcmmchen springen zu lassen?\u201c F\u00fcr die Spanne eines Herzschlags begreife ich nicht, was er damit meint. Doch dann bohren sich seine Worte wie Dornen in mein Herz. Mir bleibt die Luft weg. M\u00fchsam ringe ich mir jeden Atemzug ab. Langsam, z\u00f6gernd wie die D\u00e4mmerung im Herbst, beginne ich zu verstehen: Der Mann, der sich als mein Onkel ausgibt, will mich verkaufen, mich f\u00fcr eine Nacht dem H\u00f6chstbietenden ausliefern! <br> Angst und Schrecken machen sich in mir breit \u2013 mein Magen verkrampft sich, ein bitterer Geschmack f\u00fcllt meinen Mund. Steif wie ein Stock stehe ich, wanke nicht, obwohl in mir alles zerbricht. Ja, auf mich ist wie immer Verlass. Onkel Stefano kennt mich. Ich weine nie und werde auch heute nicht damit beginnen. Sein Griff verst\u00e4rkt sich und seine Finger bohren sich noch mehr in meine Arme. Da keimt in mir der Gedanke, meine Unersch\u00fctterlichkeit k\u00f6nnte ihm vielleicht einen Strich durch die Rechnung machen. Bezahlen die M\u00e4nner einen h\u00f6heren Preis f\u00fcr ein schluchzendes, sich wehrendes M\u00e4dchen? Ist es diese Reaktion, zu der er mich mit seiner versteckten Grobheit treiben will? Der pl\u00f6tzlich aufsteigende Hass auf ihn vermittelt mir Kraft. Niemals werde ich vor ihm und diesen grausamen M\u00e4nnern in Tr\u00e4nen ausbrechen! Nie! Und wenn er mich vor ihnen auf beide Wangen schl\u00e4gt und mir das Kleid vom Leib rei\u00dft! Ich werde nicht um Gnade betteln! Da sp\u00fcre ich, wie mich ein vertrautes Gef\u00fchl erfasst, ein Zustand, der mir schon als kleines M\u00e4dchen dabei geholfen hat, tapfer zu sein und nicht zu weinen. Dieses Gef\u00fchl hat mich wie eine Umarmung umschlungen, mein Verlangen zu schreien \u00fcberwunden. Auch meinen Verwandten ist mein Verstummen bestens bekannt. Sie n\u00fctzen es stets f\u00fcr ihre Zwecke und ich wehre mich nicht. Auch jetzt nicht. Obwohl meine Welt einst\u00fcrzt, gebe ich keinen Mucks von mir. Seitdem ich mich erinnern kann, bin ich Tante und Onkel auf Gedeih und Verderb ausgeliefert gewesen. Nicht ein einziges Mal habe ich in all den Jahren den Versuch unternommen, ihnen zu entkommen. Auf mein stoisches Ausharren bauen sie vermutlich auch heute Abend.<br> W\u00e4hrend sich die Angst in mir ausbreitet und mich zus\u00e4tzlich l\u00e4hmt, l\u00e4chle ich, so, als betr\u00e4fe die schreckliche Dem\u00fctigung nicht mich, sondern eine andere, fremde Person \u2013 so, als handle es sich nicht um mich, die hier an den H\u00f6chstbietenden verh\u00f6kert  werden soll.<br> Mein Kopf f\u00fchlt sich wie ein Schwamm an, ich verfolge nur nebenbei, wie die Angebote in die H\u00f6he schnellen, wie M\u00e4nnerstimmen horrende Zahlen rufen. Insgeheim bete ich f\u00fcr ein Wunder, f\u00fcr eine wundersame Rettung aus dieser Schmach. Die Stimmung heizt sich zunehmend auf, der Gestank von Begierde und Schwei\u00df tr\u00e4nkt die Luft und dringt unversch\u00e4mt auf mich ein. Da st\u00f6\u00dft mich eine pl\u00f6tzlich eintretende Stille in die Gegenwart zur\u00fcck.<br> \u201eGratulation an den unbekannten Herrn in der vorletzten Reihe!\u201c<br> Die Worte treffen mich wie ein heftiger Schlag, dessen Wucht mich erbeben l\u00e4sst. Ich schwanke und hoffe, meinem Onkel, der mich unver\u00e4ndert festh\u00e4lt, entgeht das heftige Zittern.<br> Im Bruchteil einer Sekunde erkenne ich, tief in mir l\u00e4ngst mit einem hinterh\u00e4ltigen Verrat gerechnet zu haben. Obwohl meine Tante und mein Onkel mir Essen reichten und mich kleideten, gaben sie mir nie ein Gef\u00fchl der Sicherheit. Ja, genaugenommen hat sich unsere Beziehung immer wie ein Handel angef\u00fchlt. Wie bitter, die Rechnung jetzt pr\u00e4sentiert zu bekommen! Ich schlucke w\u00fcrgend.<br> Besch\u00e4mende Zurufe ert\u00f6nen um mich herum, als er mich packt und von der B\u00fchne direkt in die Garderobe zerrt. Nur mit Anstrengung gelingt es mir, mich aufrecht zu halten, so gro\u00df ist meine Angst. Meine Knie sind weich wie Butter und ich f\u00fcrchte, sie k\u00f6nnten jeden Moment unter mir wegschmelzen. <br> \u201eZieh dich um!\u201c, befiehlt er ohne das geringsten Anzeichen von Mitgef\u00fchl. \u201eWir wollen deinen Freier nicht warten lassen. Sobald er bezahlt hat, wirst du freiwillig mit ihm gehen und tun, was er verlangt. Hast du verstanden?\u201c<br> Meine Beine scheinen sich unter mir aufzul\u00f6sen, deshalb taste ich nach einer Stuhllehne und klammere mich an sie, nicke ergeben.<br> \u201eTina wird dir helfen\u201c, f\u00fcgt er knapp hinzu. Ich h\u00f6re seine Schritte, die T\u00fcr schl\u00e4gt hinter ihm zu.<br> Mit einem Zischen entweicht mein Atem, den ich unwillk\u00fcrlich angehalten habe.<br> Dir bleibt nicht mehr viel Zeit, bevor dich die H\u00f6lle verschlingt! Das hast du nun von deiner Unterw\u00fcrfigkeit und dem Unwillen, dich zu wehren! Warte nur ab, in ein paar Stunden wirst du wissen, wie es sich anf\u00fchlt, die Dirne eines Mannes zu sein!<br> Mit geballten F\u00e4usten k\u00e4mpfe ich gegen die fl\u00fcsternden Stimmen in mir an.<br> Unver\u00e4ndert wie bet\u00e4ubt, l\u00f6se ich dennoch das breite Stoffband, welches unterhalb meiner Br\u00fcste verl\u00e4uft und an meinem R\u00fccken zu einer Schleife gebunden wurde. Als sich die T\u00fcr \u00f6ffnet, erkenne ich Tina anhand der Schwingungen, die sie aussendet. Sie ist einige Jahre j\u00fcnger als ich und ebenfalls eine begabte S\u00e4ngerin. Das Talent f\u00fcr die Musik liegt, laut Onkel Stefano, seit Generationen in unserer Familie. Es gibt keinen, der unseren Familiennamen tr\u00e4gt und nicht au\u00dfergew\u00f6hnlich musikalisch w\u00e4re.<br> Tina plaudert ausgelassen, als sie mir aus dem Kleid hilft, aber ich bin zu nerv\u00f6s, um ihren Erz\u00e4hlungen zu folgen. Sicherlich ahnt sie nichts von der mir bevorstehenden Marter. Was genau geschehen wird, wei\u00df ja nicht einmal ich selbst. Schon die Vorstellung, mich mit einem fremden Mann allein in einem Zimmer aufzuhalten, ist be\u00e4ngstigend genug. Bisher war ich stets in Begleitung meiner Verwandten, wenn sich Unbekannte in der N\u00e4he aufhielten. Selbst das Bett teilte ich immer mit mindestens zwei Geschwistern. Aber jetzt \u2026 Die Aussicht, jemandem, den ich nicht kenne, v\u00f6llig ausgeliefert zu sein, raubt mir den Verstand!<br> Als ich endlich in mein Tageskleid geh\u00fcllt bin, verl\u00e4sst Tina den Raum. Resigniert sinke ich auf den Stuhl, falte die H\u00e4nde im Scho\u00df und suche krampfhaft nach einer Ablenkung. In meinem Kopf h\u00e4mmert es \u201eVerrat, Verrat!\u201c, doch ich versuche, es nicht zu beachten. Stattdessen lenke ich meine Konzentration auf Mozart und seine neuartigen Kompositionen. In vielerlei Hinsicht hat er die Opernwelt ver\u00e4ndert, hat ihr sogar eine bis vor kurzem unvorstellbare Zukunft er\u00f6ffnet, von der auch ich nun als S\u00e4ngerin profitiere.<br> Mozart besitzt die Frechheit, die Kastraten, welche bis dahin die weiblichen Rollen sangen, durch S\u00e4ngerinnen zu ersetzen. Durch Frauen aus Fleisch und Blut mit wunderbaren Stimmen. Doch diese Erneuerung f\u00fchrte zu einem alles ersch\u00fctternden Skandal. Onkel und Tante haben sich schon vor Monaten \u00fcber die Unverfrorenheit des Salzburgers aufgeregt, einfach so mit den Traditionen der Musikwelt zu brechen. Mit hochroten Gesichtern haben sie ihn angeklagt, unserer Familie die Lebensgrundlage zu entziehen. Bis heute habe ich nicht verstanden, weshalb ihm dies gelingen sollte. Immerhin gibt es ja mich, Tina und eine Handvoll weitere Schwestern, die alle erpicht darauf sind, Mozarts Opern zu singen. Als ich meine Tante auf diesen Sachverhalt hinwies, beschimpfte sie mich als dumm und ungebildet. Wahrscheinlich hat sie recht und meine Unwissenheit verhindert, dass sich mir die Hintergr\u00fcnde erschlie\u00dfen. Ob das der Grund ist, weshalb mich meine Verwandten kaum aus den Augen lassen? Dazu kommt, dass sowohl Tante als auch Onkel immerzu wiederholen, welch gro\u00dfes Gl\u00fcck ich eines Tages bringen w\u00fcrde. Ob sich diese Prophezeiung heute erf\u00fcllen und sich ein Geldregen \u00fcber sie ergie\u00dfen wird?<br> Langsam nehme ich meine Umgebung wieder wahr, ich sp\u00fcre einen bitteren Geschmack im Mund.<br> Nach einer gef\u00fchlten Ewigkeit wird die T\u00fcr aufgesto\u00dfen und ich zucke erschrocken zusammen. Bevor ich mich fangen kann, poltert Onkel Stefano herein. Obwohl mein au\u00dfer Rand und Band geratener Herzschlag die meisten Ger\u00e4usche \u00fcbert\u00f6nt, bemerke ich die Anwesenheit von zwei weiteren Personen, die hinter ihm das Zimmer betreten haben. Bei einem von ihnen handelt es sich vermutlich um jenen W\u00fcstling, der mich gekauft hat. Diese Vorstellung erzeugt in mir jene \u00c4ngste, dich mich \u00fcberfallen, wenn ich an einen fremden Ort gebracht werde. Der Mann, den ich bisher Onkel genannt habe, ergreift meine eiskalte Hand, zieht mich in die H\u00f6he und zu einem Tisch, dessen scharfe Kante sich hart in meine Oberschenkel dr\u00fcckt.<br> \u201eDu musst hier unterschreiben\u201c, erkl\u00e4rt er knapp. Verst\u00e4ndnislos runzle ich die Stirn. Ist ihm entfallen, dass ich niemals schreiben gelernt habe? Wie auch?<br>  \u201eWarte, ich helfe dir.\u201c Als h\u00e4tte er meine Gedanken erraten, zw\u00e4ngt er eine Feder zwischen Mittel- und Zeigefinger meiner rechten Hand und f\u00fchrt sie tiefer. Dann w\u00f6lbt er seine verschwitzte Hand \u00fcber meine. Ich h\u00f6re das Kratzen des Federkiels auf dem Papier. Es erstaunt mich, wie leicht es ist, seinen eigenen Untergang zu besiegeln. Dennoch kann ich mir nicht erkl\u00e4ren, wof\u00fcr meine Unterschrift ben\u00f6tigt wird. Ich habe keine Rechte. Genaugenommen bin ich unfrei wie eine Sklavin. Der Beweis f\u00fcr meine Machtlosigkeit ist kaum eine Stunde alt. Schon nimmt er mir den Federkiel ab, umschlie\u00dft meinen Oberarm und dreht mich um.<br> \u201eSie geh\u00f6rt Euch\u201c, sagt er und schubst mich auf jemanden zu.<br> Der schnelle Sto\u00df \u00fcberrascht mich und ich stolpere. Im letzten Moment unterdr\u00fccke ich einen spitzen, erschrockenen Aufschrei. Noch bevor ich falle, umschlie\u00dfen kr\u00e4ftige, riesige H\u00e4nde meine Schultern und verhindern meinen Sturz. Obwohl mich die rettende Ber\u00fchrung vor Angst erzittern l\u00e4sst, entgeht mir die fast sanfte Art, mit der er mich h\u00e4lt, nicht. Sekundenlang dehnt sich schreckliche Stille zwischen uns aus und ich hole zitternd Luft.<br> \u201eW\u00fcrdet Ihr bitte mit mir kommen?\u201c Die dunkle Stimme des Fremden schwebt von weit oben auf mich herab. Die Stunde der Wahrheit ist angebrochen. Jetzt gibt es kein Entrinnen mehr. Da ich keine andere Wahl habe und die Anwesenheit meines Onkels hinter meinem R\u00fccken wie eine Drohung im Raum steht, nicke ich ergeben. Ma\u00dflose Furcht w\u00fctet wie ein wildes Tier in meinen Eingeweiden. Als ahnte er, wie es mir ergeht, lockert er den Griff und h\u00e4ngt meinen Arm bei sich ein. Die muskul\u00f6se H\u00e4rte seines Unterarms unter meiner Handfl\u00e4che besiegelt meine Ausweglosigkeit. Bisher hat mich niemand au\u00dfer meinen Familienmitgliedern ber\u00fchrt. Eine pl\u00f6tzliche Erkenntnis l\u00e4sst mich schaudern: Der Fremde, der mich f\u00fcr die kommende Nacht mit sich nimmt, scheint g\u00e4nzlich aus Stahl zu bestehen.<br> Nie zuvor ist mir der Weg durch die schmalen G\u00e4nge des Theaters unendlich lang und gleichzeitig viel zu kurz erschienen. Panisch w\u00fcnschte ich, er w\u00fcrde niemals enden, w\u00e4hrend ich andererseits ersehne, die bevorstehende Marter l\u00e4ngst hinter mir zu haben. Da weht mir frische Abendluft ins Gesicht, als wir ins Freie treten. Meine Chancen auf Rettung schwinden mit jedem weiteren Schritt, genauso wie die Hoffnung, aus einem Albtraum zu erwachen. Ein Schw\u00e4cheanfall l\u00e4sst mich taumeln und ich sinke f\u00fcr den Bruchteil einer Sekunde gegen den Mann, der mich gekauft hat. Meine Wange streift seinen harten Oberarm f\u00fcr einen fl\u00fcchtigen Augenblick. Er h\u00e4lt an, gibt mich frei, nur um sofort seinen Arm um meine Taille zu schlingen und mich enger an sich zu ziehen. Obwohl ich ihm f\u00fcr diese Nacht geh\u00f6re, bedr\u00e4ngt er mich nicht, hilft mir inmitten der Unsicherheit meines zerbrochenen Daseins. Sein herbes Parfum brennt sich in meine Sinne. Zweifellos werde ich mich f\u00fcr mein restliches Leben an ihn und diesen Augenblick erinnern. Unwiederbringlich verwebt er sich mit den letzten kostbaren Minuten meiner Unber\u00fchrtheit. Bald wird er mir alles genommen haben! Und danach? Was wird danach aus mir werden? Wird er mich auf die Stra\u00dfe werfen oder zu meinem vermeintlichen Onkel zur\u00fcckbringen?<br> Wer sagt, dass du die kommenden Stunden \u00fcberhaupt \u00fcberlebst? Du wirst in der Gosse verbluten! W\u00e4rst nicht die Erste!<br> Zum Schwindel gesellt sich \u00dcbelkeit. Nein! Nein! Nein! Hilfe! Warum rettet mich denn niemand!<br> Wir halten an und ich h\u00f6re, wie eine Kutschent\u00fcr ge\u00f6ffnet wird. Mit aller Kraft k\u00e4mpfe ich dagegen an, in Tr\u00e4nen auszubrechen.<\/p>\n\n\n\n<figure class=\"wp-block-embed-amazon-kindle wp-block-embed is-type-rich is-provider-amazon\"><div class=\"wp-block-embed__wrapper\">\n<iframe loading=\"lazy\" title=\"Dante und der Ruf der Nachtigall: Lesen mit allen Sinnen, interaktives Lesen, Oper Roman, Amazon Ausgabe, Italien\" type=\"text\/html\" width=\"790\" height=\"550\" frameborder=\"0\" allowfullscreen style=\"max-width:100%\" src=\"https:\/\/lesen.amazon.de\/kp\/card?preview=inline&#038;linkCode=kpd&#038;ref_=k4w_oembed_mKYgLzrzTpiCg5&#038;asin=B0CV85VKKM&#038;tag=kpembed-20\"><\/iframe>\n<\/div><\/figure>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Erstes Kapitel In dem ich versteigert werde und mit einem fremden Mann in eine Kutsche steige Im Jahre 1789 Ich sp\u00fcre den Blick meiner Tante. 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