

„Es ist vermutlich klug, zu wissen, wer man ist, ehe man durch jene Türen tritt.“
Als Tochter eines Marquis ist Laure schon von Kindheit an eine Expertin der Etikette am französichen Königshof. Mit knapp siebzehn Jahren kommt sie als Hofdame von Marie Antoinette der Macht so nahe, wie nur wenige Menschen. Bei einem Ball beobachtet sie den jungen Arikstokraten Philippe de Giraudon im Gespräch mit Männern, die sich mit ihren neuen Ideen über Demokratie und Gleichheit am Rande der Gesellschaft bewegen. Sofort ist ihr Interesse geweckt. Nichts ahnend, auf welch dünnen Boden sie sich begibt, nimmt sie sich vor, jenen Mann für sich zu gewinnen. Dies wird sie mehr kosten, als sie jemals für möglich gehalten hat.
Langsam hob Laure würdevoll ihr Kinn. „Ich beurteile einen Mann seines Standes nicht nach den Gerüchten, die in den Korridoren von Versailles verstauben. Sein Vater ist ein treuer Diener der Krone, und Philippe de Giraudon hat zweifellos das Profil eines Mannes, der weiß, was Pflicht bedeutet.“
Wie sie nun erkannte, faszinierte sie in Wahrheit genau das, was Sophie als Gefahr bezeichnete: Dass er auf jener Terrasse nicht gelacht hatte und sich stattdessen den leichten Vergnügungen entzog. Sie, die durch die strenge katholische Erziehung ihres Vaters auf Disziplin und Ehrgeiz ausgerichtet war, meinte in ihm eine verwandte Seele zu erkennen.
„Pflicht?“ Sophie schüttelte den Kopf und kicherte hinter ihrem Fächer. „Vielleicht. Aber seid vorsichtig, ma chère. Männer, die auf Bällen lieber auf zugigen Terrassen politisieren, als zu tanzen, sind entweder sehr langweilig oder sehr gefährlich. Und Philippe de Giraudon zählt ganz gewiss nicht zu den Langweilern.“