

„Da stand ich nun, aller Dinge beraubt, die mir auf Erden teuer waren. Einzig Gott ist mir geblieben – und die quälende Frage nach dem Warum, auf die Er mir bis heute keine Antwort gab. Allein der Glaube, dass Er keine Fehler macht, selbst wenn wir nicht begreifen, was uns widerfährt, gab mir die Kraft, meinen Weg fortzusetzen.
In Baron André, dem Onkel Jeans, findet Aimée einen Freund, der ihr in den schweren Zeiten zur Seite steht, die sie, nicht nur in Paris, erwarten. Verwitwet und aus einem katholischen Orden ausgetreten, führt er ein Leben zwischen den Konventionen. Es ist wohl dieser Hang zum Abenteuer, der ihn über abweichende, politische Meinungen hinwegsehen lässt, genauso wie über Aimées unbedachte Äußerungen, die sie in Schwierigkeiten bringen könnten.
„In Bordeaux stellt man weniger Fragen nach dem Glauben eines Mannes, wenn sein Wein gut ist und er sein Wort hält, Onkel André“, erwiderte sie mutig. „Ich habe Männer gesehen, die vor Sonnenaufgang auf den Feldern meines Vaters beteten – ohne Priester, ohne Weihrauch, nur mit einer alten Bibel in den schwieligen Händen. Sie waren die ehrlichsten Seelen, denen ich je begegnete. Es leuchtet mir nicht ein, weshalb der König sie fürchten sollte.“
Sekundenlang war es mucksmäuschenstill. Dann glättete sich die Stirn des Barons. „Vorsicht, kleine Comtesse. Solche Worte grenzen in Paris an Hochverrat. Man mag in den Salons über Voltaire und die Vernunft plaudern, aber das Fundament dieses Staates ist immer noch ‚Ein Glaube, ein Gesetz, ein König‘. Wenn Ihr an einem Pfeiler rüttelt, könnte das ganze Dach über uns einstürzen.“ Er neigte den Kopf und fügte mit einem Anflug von echtem Interesse hinzu: „Verratet mir… hat Euer Ehemann, mein hochgeschätzter Neffe, denn die geringste Ahnung von diesen sympathisierenden Neigungen seiner Gemahlin? Er ist ein Mann des Hofes, Aimée. Er versteht die Politik, aber ich fürchte, er versteht das Herz einer Frau aus der Gascogne nicht im Geringsten.“